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Kriegstreiber siegen, Diplomaten verlieren

Das unbefriedigende EU-Wahlergebnis

Obwohl das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) aus dem Stand auf beachtliche 6% kam und die Ampel-Parteien insgesamt an Zuspruch verloren, ist das Ergebnis der Wahlen zum EU-Parlament eine schwere Niederlage für die Friedenskräfte. Die drei Parteizusammenschlüsse, die auch bisher die Mehrheit hatten – Christdemokraten (EVP), Sozialdemokraten und Liberale –, errangen fast 400 der 720 Mandate.

Mit diesem Resultat ist sicher, dass die Kriegspolitik der EU weiter parlamentarisch gestützt wird. Zu erwarten sind neue Schritte, um der EU-Kommission direkte Unterstützung von Rüstung und Waffenlieferungen, die ihr bislang offiziell untersagt sind, zu ermöglichen. Frankreich drängt darauf, die EU neben der NATO zur „zweiten Lebensversicherung“ (Außenminister Stéphane Séjourné) zu machen. Am 28. Mai vereinbarte der deutsch-französische Ministerrat in Meseberg die Entwicklung einer sogenannten Präzisionsabstandswaffe unter Einbeziehung anderer EU-Staaten. Drei Tage später gestattete Olaf Scholz Kiew, russisches Territorium mit deutschen Waffen zu beschießen. Gleichzeitig trat er im EU-Wahlkampf als „Friedenskanzler“ auf.
Dies nahmen zwar die Wähler der SPD nicht mehr ab, stimmten aber nicht für jene, die sich konsequent für Frieden einsetzten, sondern machten CDU/CSU und AfD zu den stärksten Parteien. Mit den 30% der Stimmen für die „Ampel“ erhielt das Kartell der Kriegsparteien mehr als 75%. Deutschland ist nicht nur ökonomisch und wirtschaftlich Führungsmacht beim Krieg gegen Russland, es ist erneut auch Zentrum der ideologischen Reaktion auf dem Kontinent.

Die Europawahl war ein Desaster für die Ampelparteien. Nur die FDP konnte (überraschend) ihr Fünf-Prozent-Ergebnis von 2019 halten, nachdem sie in Umfragen lange unter fünf Prozent gelegen hat. Verglichen mit der Bundestagswahl hat die FDP allerdings sechs Prozentpunkte verloren. Die SPD erzielte mit voraussichtlich rund 14% ihr schlechtestes Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl überhaupt. Generalsekretär Kevin Kühnert sprach in einer ersten Reaktion von einer „harten Niederlage“. Aus diesem Resultat ergibt sich auch eine politische Schwächung des Bundeskanzlers, der sich im Wahlkampf auf Großplakaten neben Spitzenkandidatin Katarina Barley präsentiert hatte. In den vergangenen Monaten war immer wieder darüber spekuliert worden, ob der in der Bevölkerung angeblich deutlich populärere Verteidigungsminister Boris Pistorius die Sozialdemokraten in die Bundestagswahl 2025 führen könnte – zuletzt auch vom ehemaligen Parteichef Franz Müntefering. Schuld am krachenden Absturz der SPD sind laut Kühnert übrigens die Grünen und die FDP. Diese brächten für die SPD nämlich eine „Kontaktschande“ mit sich. Die SPD habe in der Ampel „eine Politik gerade für untere Einkommens-gruppen gemacht“, behauptete er ohne dabei rot zu werden. Doch „unsere beiden Koalitionspartner (werden) von diesem Teil der Bevölkerung stark abgelehnt“, das färbe auch auf die SPD ab.

Regelrecht abgestürzt sind die Grünen, die nur noch auf rund 12,5% der Stimmen kommen – ein Rückgang von rund acht Prozentpunkten gegenüber 2019. Für die Grünen ist dieser Einbruch auch deshalb bedenklich, weil sich hier eine grundsätzliche Trendwende bei der Wählerpräferenz abzuzeichnen scheint. Die Partei, die im vergangenen Jahrzehnt von Erfolg zu Erfolg geeilt war, ist laut Umfragen vom Frühjahr inzwischen die unbeliebteste Bundestagspartei. Gleichzeitig wird ihr Einfluss in der Bundesregierung als besonders hoch eingeschätzt: Die Ablehnung der Ampel ist also vor allem auch eine Ablehnung der Grünen. Am Sonntag sind die Grünen offenbar auch bei Erstwählern, von denen 2019 noch rund ein Drittel Grüne gewählt hatte, eingebrochen: Nur noch rund jeder zehnte 16- bis 24-jährige Wähler hat am Sonntag sein Kreuzchen bei den Grünen gemacht hat. ,,Das ist nicht der Anspruch, mit dem wir in diese Wahl gegangen sind, und wir werden das gemeinsam aufarbeiten“, sagte die Ko-Parteichefin Ricarda Lang am Sonntag Abend in der ARD.

Mit diesen geistreichen Erklärungsversuchen haben sich Kühnert und Lang erfolgreich auf das allgemeine Niveau der bürgerlichen Wahlanalysen eingelassen. Besonders die Jugend bekam dabei ihr Fett weg. In der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen verloren die Grünen im Vergleich zu 2019 rund 23 Prozent an Wählerstimmen, während die AfD 11% hinzugewann. 28% der jungen Stimmen gingen an Kleinparteien. Schnell wurde von „TikTok-Politik“ gesprochen, um das katastrophale Abschneiden des Regierungslagers zu erklären und vermeintlicher „Desinformation“ die Schuld zu geben. Wer heute 16 ist, war im Jahr 2020 12 Jahre alt. Diese Generation hat in ihrem bewussten politischen Leben nichts anderes als Pandemie, Krise und Krieg erlebt. Doch diese Überlegungen fanden im Mainstream keinen Widerhall, würden politische Ableitungen doch bedeuten, den jungen Menschen friedliche und lebenswerte Perspektiven bieten zu müssen. Die gibt es im Programm der Kriegsparteien aber nicht. Im nachhinein dürften daher am meisten die Absenkung des Wahlalters bereuen.

Auch für die Partei ,,Die Linke“ ist die Europawahl ein vollständiges Fiasko. Sie hat ihr Ergebnis von 2019, das damals als überraschend schlecht gewertet worden war, noch einmal halbiert. Die Partei kommt auf nur noch 2,7%. Das könnte immerhin für drei Abgeordnete im EU-Parlament reichen. Aber mit diesem Ergebnis scheint ein Wiedereinzug der schwer angeschlagenen Partei in den Bundestag 2025 in den Bereich der Utopie zu rücken. Abgesehen von den nackten Zahlen liegt mit diesem Resultat der gesamte politische Ansatz der Parteiführung in Scherben: Jahrelang hatte die tonangebende Fraktion im Parteivorstand auf den politischen und organisatorischen Bruch mit der Strömung um die Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht hingearbeitet. Die Auseinandersetzungen mit Frau Wagenknecht wurden für die Abfolge von Wahlniederlagen verantwortlich gemacht. Nun ist Wagenknecht weg – und mit ihr viele der noch verbliebenen Wähler.

Der Versuch, die alte Klientel durch eine organisatorische und politische Öffnung für liberal-aktivistische Milieus und den Wokismus zu ersetzen, ist ein Rohrkrepierer: Die ,,Bewegungen“, auf die man hier setzen und mit einer Spitzenkandidatin Carola Rackete ansprechen wollte, deren Nominierung als Coup gefeiert wurde, haben wahlpolitisch keinerlei Gewicht – ganz abgesehen von den damit aufgeworfenen politischen Problemen. Im Osten kam die Linke am Sonntag nur noch auf 5,5% – ein katastrophales Ergebnis, das die Frage nach der Zukunft der Partei auf die Tagesordnung setzt.

Das neue Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das in der Fläche über keinerlei Strukturen und keinen hauptamtlichen Apparat verfügt, kam im Osten aus dem Stand auf über 13 Prozent der Stimmen und ist damit dort drittstärkste Kraft. ,,Wir haben heute hier Parteiengeschichte geschrieben“, sagte Generalsekretär Christian Leye am Abend. Die Parteivorsitzende zeigte sich mit den voraussichtlich knapp sechs Prozent der Stimmen im bundesweiten Schnitt sehr zufrieden: ,,Da ist ein großes Potenzial“, sagte Wagenknecht in der ARD. Sie wolle dies nun bei den folgenden Wahlen weiter ausbauen. Nach ersten Erhebungen hat das BSW vor allem ehemalige Wähler der Linkspartei und der SPD gewonnen, in geringerem Maße solche der AfD und der Union.

Bereits nach den ersten Hochrechnungen wurde, wie von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gefordert, dass es zu Neuwahlen komme solle. „Diese Regierung ist im Grunde genommen fertig“, sagte er und zeigte sich mit dieser Einschätzung erstaunlich volksnah. Doch vorerst bleibt es beim Gedankenspiel. SPD und Grüne werden in Anbetracht ihrer gewaltigen Verluste den Teufel tun, sich einer Wahl zu stellen. Auch die an der 5-Prozent-Hürde kratzende FDP dürfte kein besonderes Interesse am Urnengang haben und selbst wenn es zu Neuwahlen kommen würde, die Politik bleibt die selbe. Was oft und gerne vergessen wird ist nämlich, dass nicht allein die Ampel-Regierung für den katastrophalen zustand der BRD ist. 16 Jahre Merkel (CDU) haben einen gewaltigen Teil dazu beigetragen. 

Wenn die Europawahl eins gezeigt hat, dann dass sich der hochgefährliche Kriegskurs bei aller Unzufriedenheit nicht einfach abwählen lässt. Um den Kriegstreibern in den Arm zu fallen, braucht es eine starke Bewegung und mutige Gewerkschaften für Frieden und gegen den sozialen Kahlschlag.

von ASKL

Karl Marx und die Gegenwart

Eine Würdigung zu seinem 206. Geburtstag

Einige behaupten er sei ,,ein lausiger Prophet” gewesen. In seinen Werken stehe ”allerlei krudes Zeug”. Emotional aufgeladen fuchtelten Journalisten, Philosophen oder andere Zeitgenossen, die offenbar Marx´ Hauptwerk, "Das Kapital" nie gelesen oder verstanden haben, mit einem moralisierenden Zeigefinger herum. An seinem 206. Geburtstag, dem 05. Mai, lohnt es sich einen genaueren Blick auf das Werk des Begründers des Kommunismus zu werfen.

Marx´ ”Kapital" ist weit entfernt von ideologischer Propaganda. Detailliert, emotionslos und kühl analysierte der Philosoph darin die Funktionsweise des Kapitalismus zu seinen Lebzeiten im späten 19. Jahrhundert. Es zu lesen, könnte mit allerlei kursierenden wilden Theorien aufräumen. Zum Beispiel, dass nur fiese Politiker die sozialen und ökonomischen Verwerfungen des globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts produzierten. Dass das System an sich gar ganz okay sei, wenn der Staat nur nicht immer eingreifen würde. Oder aber, dass die Politik einfach nur Gesetze für die ,,kleinen Leute" machen müsse, und alles wäre gut.
So glaubt der eine, man könne sich einfach ausklinken. Andere meinen, Probleme national lösen zu können. Viele finden Marx` Analysen völlig überholt. Und die herrschenden Meinungsmacher setzen sie allzu gerne mit Stalins angeblichen Gulags gleich, in der Hoffnung, niemand möge im Ansatz verstehen, wie die kapitalistische Wirtschaft zur Erzeugung unserer materiellen Lebensgrundlage überhaupt funktioniert. Doch man könnte lernen. Zum Beispiel: Was ist eigentlich Kapital? Die bürgerlichen Ökonomen wollen uns weismachen, Kapital seien Maschinen, Fabriken, Bodenschätze, also die Produktionsmittel. Auch das Geld sei Kapital. Tatsächlich ist Geld eine allgemeine Ware. Geld drückt den Wert der anderen Waren aus.

Geld und Produktionsmittel begreift Karl Marx erst in der Bewegung als Kapital: Der Kapitalist (der Bourgeois) setzt Geld ein, um Produktionsmittel und Arbeitskraft zu kaufen. Er lässt Waren produzieren und verkaufen, um mehr Geld daraus zu machen, dieses wiederum entsprechend anzulegen, um noch mehr Geld zu generieren. Und so weiter. Das ist der Prozess, dem jeder Kapitalist unterworfen ist, wenn er nicht untergehen will. Nicht etwa die Versorgung der Bevölkerung mit Waren, sondern die stete Kapitalakkumulation ist der irrationale Selbsterhaltungszweck des Systems. Nicht ohne Grund unterscheidet Marx zwischen Gebrauchs- und Tauschwert der Waren. Ersterer sei nur lästiges Beiwerk für den Kapitalisten. Denn den Profit beschert ihm der Tauschwert. Ist der Gebrauchswert gering, führt häufiger Nachkauf sogar zu mehr Profit.
Der Zwang zur steten Akkumulation ist die Grundlage für das gepredigte Narrativ vom ewigen Wirtschaftswachstum. Das strebt nicht nur aus sich heraus nach Globalisierung des rohstoffbedürftigen Marktes, nach Unterwerfung schwächerer Länder, nach exzessiver Ausplünderung der Umwelt. Marx wusste: Das Kapital stößt zyklisch an seine Grenzen. Es kommt zu Absatz- und Anlageschwierigkeiten. Die Profitrate sinkt. Lohndumping, Entlassungen, Massenerwerbslosigkeit, Verelendung folgen. Das Wachstum stagniert weiter. Es droht die Rezession. Am Ende folgt der Krieg: Zerstörung, Neuaufteilung, Wiederaufbau. Es sind die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit, die zu zyklischen Wirtschaftskrisen führen.

Der Kapitalismus strebt danach, alles zu einer Ware zu machen. Lohnarbeit gehört sowieso dazu. Der Begriff Humankapital für Lohnabhängige spiegelt es wider. Der Arbeiter soll Waren produzieren, die deren Besitzer, also der Unternehmer, für Profit vermarkten kann. Marx spricht von entfremdeter Arbeit. Wer kein Vermögen hat, das er als Kapital einsetzen kann, ist gezwungen, seine Arbeitskraft als Ware zu verkaufen. Nicht umsonst spricht man vom Arbeitsmarkt. Die kapitalistische Produktion lebt von der Lohnabhängigkeit der Masse und der Kapitalist vom Abschöpfen des Mehrwerts aus selbiger.
Marx stellt klar: Mehrwert ist nicht der Gewinn, der durch geschicktes Tauschen, also billig ein- und teuer verkaufen entsteht. Er wird allein durch Arbeitskraft erzeugt. Technologie entwickeln, Maschinen bauen, Käufer werben – für all das ist bis heute menschliche Arbeit nötig. Der Lohn des Beschäftigten entspricht dabei nicht dem von ihm erzeugten Wert – also dem Erlös vom Warenverkauf minus Aufwendungen für die Technologie. Sein Lohn ist niedriger. Im Verhältnis  arbeitet er so vielleicht drei Stunden pro Tag, um sein eigenes Gehalt zu generieren – die restlichen fünf Stunden arbeitet er für den Unternehmensgewinn.
Mehrwert ist nach Marx ,,seinem Wesen nach lebendige, bei der Produktion verausgabte Arbeit, die sich der Kapitalist unentgeltlich aneignet." Das nennt man Ausbeutung. Sie wird verschleiert, weil der Arbeiter offiziell für acht Stunden entlohnt wird. Es scheint, als entspringe der Überschuss der Geschäftstüchtigkeit und dem Organisationstalent des Kapitalisten. Mehrwert versteckt sich im Unternehmergewinn, im Profit, im Zins.

Die Eigentumsverhältnisse definieren nach Marx die Hauptklassen im Kapitalismus. Viele schreien, die Linken wollten das kleine Eigenheim oder den privaten Gemüsegarten enteignen. Doch wie oben beschrieben, geht es um kapitalistisch verwertbares Eigentum, also um Eigentum an Produktionsmitteln, nicht um das Haus zum Wohnen, das Auto oder Genussmittel. Marx spricht vom permanenten Klassenkampf zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern. Doch davon wollen selbst viele Linke nichts mehr hören. Die Sozialdemokraten suggerieren bis heute, den Klassenkampf mittels ,,Sozialpartnerschaft" bändigen zu können, ja, gar beseitigt zu haben.
Tatsächlich ist der Klassenkampf allgegenwärtig. So ist der Kapitalist daran interessiert, die Ware Arbeitskraft so billig wie möglich einzukaufen, um möglichst hohen Profit einzufahren. Er kann nicht anders handeln, wenn er nicht untergehen will. Der Lohnabhängige ist an einem auskömmlichen Lohn interessiert. Jede kleine Verbesserung seiner Lebensbedingungen musste seine Klasse seit Anbeginn der kapitalistischen Produktionsweise vor rund 500 Jahren hart erkämpfen. Ein Blick in die Gegenwart zeigt, der Klassenkampf von unten hat seine Power verloren. An Generalstreiks ist in der wirtschaftsstärksten Nation Europas nicht zu denken, nicht einmal an Großdemonstrationen von spürbarer Schlagkraft. Doch die Kapitalisten schlafen nicht. Mithilfe ihres Instruments, des Staats, führen sie den Klassenkampf um so härter fort. Lohndumping, Sozialabbau, prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind die Folgen, die wir live in Deutschland erleben.

Die aktuellen Bestrebungen der Politik, die Arbeitszeit auszuweiten, Arbeitnehmerrechte abzubauen, das Rentenalter heraufzusetzen, das trotz massiver Produktivitätssteigerungen durch den technologischen Fortschritt, sind Klassenkampf von oben. Auch die imperialistische Kapitalflucht, die schleichende Globalisierung des Arbeitsmarktes sind Klassenkampf von oben.  Auch die jüngsten Rentenkürzungen, Einschnitte in der medizinischen Grundversorgung und die Hartz-Gesetze sind Klassenkampf von oben. Und wer meint, der Kapitalismus sei gar nicht so schlecht und all die modernen Erscheinungen im monopolisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, wie dem Bürgergeld (ehemals Hartz IV) inklusive Sanktionsapparat in Deutschland, seien nur Auswirkungen neoliberaler Eskapaden böser Politiker. Auch dem sei das Kapital ans Herz gelegt. Über die Weber während der Baumwollkrise im Jahr 1863  schreibt Marx im ersten Abschnitt des 6. Kapitels, Band III:
,,Wurde der schlechteste Hundelohn angeboten und der Arbeiter wollte ihn nicht annehmen, so strich das Unterstützungskomitee ihn von der Unterstützungsliste. Es war insofern eine goldene Zeit für die Herren Fabrikanten, als die Arbeiter entweder verhungern oder für jeden dem Bourgeois profitabelsten Preis arbeiten mussten, wobei die Unterstützungskomitees als ihre Wachhunde agierten. (…) Die Unterstützungskomitees handelten in diesem Punkt mit großer Strenge. War Arbeit angeboten, so wurden die Arbeiter, denen sie angeboten wurde, von der Liste gestrichen und so gezwungen, sie anzunehmen."

Die kapitalistische Verwertungsmaschinerie, die alles dem Markt unterwirft, funktioniert heute wie damals. Nur der Produktivitätszwang im modernen spätkapitalistischen Arbeitshaus wurde auf die Spitze getrieben. Das Kapital ist über akkumuliert in riesigen Monopolen. Auch das hat Marx prognostiziert. Der Lohnabhängige ist und war ein Subjekt im kapitalistischen Verwertungsprozess. In ständiger Konkurrenz kämpft er gegen andere Lohnabhängige um Arbeitsplätze und Behausungen. Die Eigentümer der Produktionsmittel und Lohnabhängige stehen sich, wie eh und je, feindlich gegenüber.
So ist es. Da ist es völlig egal, ob Marx ein guter oder schlechter Familienvater war. 
Personen lassen sich einfacher kritisieren, als ein so umfassendes Werk mit seinem wichtigen Inhalt.

von ASKL

Die "guten" Opfer

Degeneration durch Kriegspropaganda

In Moskau ereignete sich am 22. März 2024 ein Terroranschlag, bei dem je nach Quelle zwischen 40 bis 90 zivile Opfer zu beklagen sind. Um zu sagen, was genau geschehen ist und festzustellen, wer sich diese furchtbare Tat verantwortlich zeichnet, ist es zu früh. Hier soll es auch nicht um die Tat als solche, sondern um den Umgang mancher Mitmenschen mit diesem Ereignis gehen, denn dieser lässt an der Menschlichkeit diese Mitbürger zweifeln.

In den sozialen Medien waren am Morgen des 23. Märzes teils euphorische und jubelnde Postings über den Terroranschlag zu lesen. Ironischerweise aus einer Grünen und pseudolinken Blase. Von Menschen die sich selbst mit schön klingenden Adjektiven wie „weltoffen“, ,,tolerant", ,,inklusiv", „friedliebend“, ,,universalistisch" oder „menschlich“ schmücken und von sich selbst denken Aktivisten ,,gegen Rechts" und gegen menschenfeindliches beziehungsweise faschistisches Gedankengut zu sein. Insbesondere gegenüber russischen Menschen ist dieser Widerspruch besonders häufig zu beobachten. Ein Grund dafür ist, für mich, die Dauerbeschallung mit antirussischer Kriegspropaganda.

Die allgegenwärtige Kriegspropaganda in Politik und Medien der letzten zwei Jahre hat einige Menschen so sehr emotional verkrüppelt, dass sie sich über ermordete russische Zivilisten freuen und diese Freude auch noch ohne Scham und vollem bürgerlichen Namen in sozialen Medien wie Twitter zeigen und für solche Ansichten auch noch gelobt und bestärkt werden. Dies passiert Wahrlich nicht zum ersten Mal und nicht erst sein Russlands Intervention in den Ukraine-Krieg am 24. Februar 2022. 
Bereits am 03. April 2017, als auf die Sankt Petersburger Metro ein terroristischer Anschlag verübt wurde, hielt sich das mitgefühlt bei einigen hierzulande in Grenzen. Die obligatorische Beleuchtung einiger deutscher Wahrzeichen wie etwa dem Brandenburger Tor, wie sie oft aus Solidarität gezeigt wird, wurde nur in ganz seltenen Fällen eingeschalten. Beispielsweise wurde der Dresdener Kulturpalast in den Farben weiß, blau und rot beschienen. Von Seiten der Politik gab es auch nur wenige Beileidsbekundungen.

Dass sich bereits erwähntes wohlstandsverwahrlostes, grünes und wokes Klientel spätestens seit der medial geförderten Trauer um den Neonazi Alexej Nawalny in rechtsextremen Kreisen befinden, ist wahrlich nichts Neues. Wir reden hier von zutiefst rassistischen und neoliberalen Akteuren, die Menschen in Schubladen sortieren, ausgehend von Geschlecht, Hautfarbe oder selbst angedichteter Eigenschaften. Diesen Menschen geht es insbesondere in der Ukraine Thematik nicht um die dort lebende Bevölkerung. Es geht ihnen um Selbstbeweihräucherung und Selbstdarstellung. Sie folgen blind dem medial vorgegebenen Narrativ des durch und durch bösen Russen und hinterfragen gesagtes und gezeigtes zu keinem Zeitpunkt. ,,Der öffentlich-rechtlicher Rundfunk lügt nie. Wer dies anzweifelt, ist ein Schwurbler, rechter Hetzer, Putintroll (...)". Mehr zu diesen Akteuren in diesem Artikel: Blau-gelbe „Solidarität“ .
Die Differenzierung zwischen der russischen Bevölkerung und dem russischen Staat ist ebenfalls schon längst verloren gegangen, worauf ich in diesem Artikel einging.
Das alles lässt sich übrigens auch auf den am 07. Oktober 2023 erneut eskalierten Nahostkonflikt übertragen.

Es ist beeindruckend zu sehen sie sicher sich viele russophobe Menschen im Internet fühlen. Wie bereits erwähnt verbreiten sie ihren Hass unter Verwendung ihres vollen Klarnamen und teilweise sogar mit der Angabe ihres Wohnortes in ihren Profilen. Dies wird umso beeindruckender, da einige der Nutzer nicht zum ersten Mal mit solchen Postings auffielen. Von einigen weiß ich, dass Anzeigen gegen sie erstattet wurden und trotzdem verbreiten sie solcherlei Beiträge.
Ironischerweise sind es eben solche Leute die sich vehement für eine Klarnamenpflicht in den sozialen Medien aussprechen, um "Hatespeech" besser verfolgen und bestrafen zu können. Wie man beobachten kann, hat dies in den seltensten Fällen folgen für die Täter.

Deutschland ist auf so vielen Ebenen durch und hat fertig. Der Grad der Degeneration und Verrohung in der Bevölkerung durfte beispiellos in Europa oder gar der Welt sein. Auf eine Trendwende brauchen wir nicht zu hoffen, denn egal, wer in der Regierung ist, es würde sich nichts zum guten für die Bevölkerung ändern. Es bedarf einer grundlegenden Neustrukturierung des Staates. Wie genau der „bessere“ Staat aussehen kann, weiß ich noch nicht, aber so wie er jetzt ist, schadet uns spaltet er nur einen großen Teil der Bevölkerung.

von ASKL

Trauer um Neonazi

Hysterische Heuchelei um Nawalny

Dass wir in verrückten Zeiten leben dürfte nichts Neues sein. Der Grad der Absurdität überrascht mich jedoch schon.
Seit Mitte Januar finden deutschlandweit Demonstrationen „Gegen Rechts“ statt.
Zu diesen Aufmärschen rufen pseudolinke Organisationen wie „Chemnitz gegen Rechts“, alle möglichen Gewerkschaften und sogar Bundestagsparteien und Mitglieder auf. Selbst Minister oder gar der Bundeskanzler nehmen an ihnen teil. Soweit so gut und nicht neu. Hier soll es gar nicht sosehr um diese Veranstaltungen gehen. In diesem Artikel wird genauer darauf eingegangen. Hier soll es um die Doppelmoral hinter diesen Demos und deren Teilnehmer gehen, denn der 16. Februar 2024 war ein guter Tag für wahrhaftige Antifaschisten und Antikapitalisten. Also jene die einen großen Bogen um diese staatlich orchestrierten Veranstaltungen machen. Der russische Rechtsextremist, mit besten Kontakten in die europäische Neonaziszene, Alexej Nawalny ist gestorben. Hurra!

Eine Welle der Anteilnahme erfasste vor allem Deutschland und jeder Dulli auf Twitter sah sich gezwungen ihm zu kondolieren. Hier eine kleine Auswahl. 
Der irgendwie bemitleidenswerte Christian Lindner (FDP), seines Zeichens Bundesfinanzminister:
,,Alexej Nawalny hat für ein demokratisches Russland gekämpft. Putin hat ihn dafür zu Tode gequält. Das ist ein neuer, erschütternder Beleg für den verbrecherischen Charakter dieses Regimes. Alexej wird über seinen Tod hinaus allen weiter Hoffnung geben, die für ein anderes Russland kämpfen. CL"  
Der ärmste braucht jetzt ein neues Hobby, da er Nawalnys Tage in Gefangenschaft nicht mehr zu zählen braucht.

Dietmar Bartsch (Die Linke) schrieb:
,,Alexej Nawalny ist Medienberichten zufolge tot. Sein erschütternder Tod geht auf das Konto Moskaus, das Putins schärfsten Kritiker eingekerkert hatte. Das ist zweifelsfrei ein politischer Mord, wie er nur unter Despoten möglich ist. Abscheulich! RIP"
Und das von einem "Linken". Kannst du dir nicht ausdenken.

Um nicht in Vergessenheit zu geraten, drückte auch Talkshow-Dauergast und Experte für Alles Karl Lauterbach (SPD) seine Anteilnahme aus:
,,Heute spricht man nicht mehr von Helden. Aber für mich war Nawalny ein Held. Durch seinen Widerstand hat er früh der Welt klar gemacht, dass Putin ein rücksichtsloser Verbrecher im Amt ist. Man hätte viel früher seiner Warnung folgen müssen. Rest in Peace."
Der selbe Lauterbach, der kurz zuvor ,,Gegen Rechts" demonstrierte und sich dabei medienwirksam ablichten ließ, nennt den rechtsextremen Alexej Nawalny einen ,,Helden". Muss man dazu noch irgendwas sagen?!

Den Vogel schoss wie so oft unsere diplomatische Außenministerin Annalena Baerbock (Die Grünen) ab:
,,Wie kaum ein anderer war Alexej #Nawalny Sinnbild für ein freies und demokratisches Russland. Genau deswegen musste er sterben. Meine Gedanken sind bei seiner Frau und seinen Kindern."

Das plumpste Statement dürfte aber von Jürgen Trittin (Die Grünen) kommen:
,,So ist es: #Putin tötete #Nawalny"

Auch in den Medien überschlagen sich die Journalisten mit Nachrufen für diesen Rassisten. So titelt der Kollumnist Mikhail Zygar (russischer Nawalny Anhänger) im Spiegel ,,Nawalny wird der Messias im neuen Russland sein". Gemma Teres Arilla schreibt in der taz sogar, dass Nawalny der ,,russische Mandela" war.
Der Gipfel der geistigen Umnachtung ist aber die Petition, in der gefordert wird eine Starße an der russischen Botschaft in Berlin in "

Ich könnte hier noch viel mehr verlogene, geheuchelte und schwachsinnige Statements zitieren aber das macht mein Gemüt nicht lange mit, wenn ich mich weiter durch die Abgründe des Internets lesen muss.

Wer tatsächlich Nawalny war, wurde in diesem Artikel aufgearbeitet. Umso verwunderlicher die (zugegebenermaßen geheuchelte) Anteilnahme für diesen Neonazi. Es ist an Idiotie nicht mehr zu übertreffen. Erst "Gegen Rechts" demonstrieren und die Afd bekämpfen wollen, dann um Nawalny trauern. Genau mein Humor.
Auch, dass Nawalny ein Rechtsextremist war wollen die meisten nicht wissen, obwohl es beispielsweise in der MOPO kritische Artikel über ihn gibt, wo seine tiefbraune Gesinnung aufgearbeitet wird. 
Dass der Schuldige in Person des russischen Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin sofort feststand wundert mich bei den ganzen Unikaten die nicht weiter als von der Tapete zur Wand denken können nun freilich nicht, doch finde ich es erstaunlich dadurch zusehen wie degeneriert die Gesellschaft und die Politik inzwischen ist.

Selbst im Bundestag wurde ohne Zweifel festgestellt, dass Putin persönlich für Nawalnys ableben verantwortlich ist. Auf die Frage danach, was Präsident Putin davon hätte dieses in Russland so irrelevante Würstchen exekutieren zu lassen oder dass bekannt war, dass Lindners Liebling in den Hungerstreik ging beziehungsweise eine medizinische Versorgung verweigerte wird wissend verschwiegen. Bei den Anschlägen auf die Nordstream-Pipeline war man, was Verurteilungen anging zurückhaltender, obwohl in diesem Fall die Beweislast erdrückender war. 
Sollte Nawalny tatsächlich ermordet worden sein, was nachzuweisen nach Diktum der westlichen Polit-Crème de la Crème sowieso unnötig ist, dann dürfte er selbst posthum ein gewisses Verständnis aufgebracht haben, forderte er die russische Regierung doch vor Jahren auf, einen in London lebenden Tschetschenen-Rebellenchef zu töten. 

Wo war eigentlich das in den letzten Wochen so hochgelobte und Anstoßgeber für die bundesweiten "Gegen Rechts" Demonstrationen Correctiv, als Nawalny von so wörtlich "Deportationen" war? Er sagte einst: ,,Alles, was sich uns in den Weg stellt, sollte vorsichtig, aber entschlossen durch Deportation entfernt werden.“
Komisch?! Passt das etwa nicht ins Bild des ,,tapferen Kämpfers für Demokratie", veröffentlicht man nur Erkenntnisse, die in den gegenwärtigen Zeitgeist passen oder von wem auch immer gefordert wurden? Ich stelle nur Fragen.

Anhand dieses Falls kann man gut die Degeneration und Naivität der deutschen Gesellschaft ablesen. Viele folgen Blind dem was einem die Medien und die Politik sagen ohne auch mal kurz darüber nachzudenken und zu hinterfrage. ,,Der Fernseher sagt, dass ich mich gegen Rechts und die AfD engagieren soll und, dass ich um Nawalny trauern soll." Anders kann ich mir Szenen wie Demonstrationen "Gegen Rechts" tagsüber am Reichstag in Berlin und abends Mahnwachen vor der russischen Botschaft nicht erklären wo mit großer Wahrscheinlichkeit die selben Personen teilgenommen haben werden, nicht erklären.

Sahra Wagenknecht sagte einst: ,,Wir haben die dümmste Regierung Europas". Ich würde noch weiter gehen und behaupten: ,,Wir haben die dümmste Gesellschaft der Welt."

von ASKL

Nicht für die Bauern, lieber gegen Rechts

Wie Lifestyle-Linke sich für die Ziele der Regierung vor den Karren spannen lassen

Dieser Tage finden deutschlandweit Demonstrationen unter dem Motto „gegen Rechts“ oder „für ein AfD-Verbot“ statt. Wer hier den aufrichtigen antifaschistischen Kampf sucht, wird aber nicht fündig. Stattdessen wird er Zeuge einer von der Regierung orchestrierten Kampagne gegen die AfD, die zwei Ziele hat: die Partei vor den diesjährigen Europa- und Landtagswahlen zu diskreditieren und von den derzeit immer noch laufenden Bauernprotesten abzulenken. Regierungspolitiker werben für diese Veranstaltungen, als sei die AfD in diesem Land die größte Gefahr für die Demokratie - und nicht etwa der Kapitalismus, der Lobbyismus oder auch die stetige Schmälerung der Meinungsfreiheit und die Spaltung der Gesellschaft.

Ursprung der „Bewegung“ war ein Artikel von Correctiv, auf den Gert Ewen Ungar in einem Text bereits ausführlich eingegangen ist, auf den ich an dieser Stelle gern verweisen möchte, um nicht erneut das Thema behandeln zu müssen. Denn darum geht es hier nicht. Auch auf die anschließende Unterschriftenkampagne von Campact, die dem Thüringer AfD Landeschef Björn Höcke die Grundrechte entziehen möchte, will ich mich nicht nochmal detailliert stürzen. Ich werde an dieser Stelle dazu nur sagen, dass ich sie zu radikal finde und dass eine solche Forderung, sollte sie umgesetzt werden, Türen öffnet, die ich als sehr beängstigend empfinde. Der Entzug von Grundrechten ist ein extrem weitreichender Schritt, hinter dem man als Demokrat kaum stehen kann.

Überhaupt ist der neue vermeintliche Kampf gegen Rechts vor allem denen dienlich, denen die wachsende Sorge über Wahlprognosen der AfD förmlich ins Gesicht geschrieben steht: den Mitgliedern der Regierungsparteien. Die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg drohen zum Fiasko zu werden. Hier hat die AfD besonders starke Umfragewerte – warum das so ist? Vermutlich, weil die Menschen auf dem Boden der ehemaligen DDR häufig kritischer gegenüber und in höherem Maße unzufrieden mit dem Handeln der Regierung sind. Das hat sowohl politische, als auch wirtschaftliche Gründe. In jedem Fall fühlen sich viele nach Corona, Ukraine-Krieg, Inflation, explodierenden Lebenshaltungskosten und der massiv angestiegenen illegalen Zuwanderung von den Altparteien nicht mehr repräsentiert und suchen nach einer Alternative an der Wahlurne, die sie in der AfD vermuten. Dass eine populistische Partei, die sich in jeder neuen politischen Situation mit genau den Parolen präsentiert, die den Kritikern des Regierungskurses gefallen, keine wahre Alternative ist, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Ein vernünftiger Politiker sollte sich in der aktuellen Situation jedenfalls denken: „Warum sind diese Menschen so unzufrieden? Was kann ich als Repräsentant des Volkes dagegen tun? Muss ich womöglich meinen Kurs ändern, weil ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung mit meiner Politik überhaupt nicht einverstanden ist?“
Natürlich wird das aber nicht getan. Stattdessen reagiert man in Berlin auf diese Gegebenheiten wie die sprichwörtliche Axt im Walde: Es wird versucht, den vermeintlichen politischen Gegner zu diskreditieren oder gar zu verbieten. Dass Letzteres mit Demokratie wenig zu tun hat, scheint dabei niemanden zu stören. Überhaupt ist „Demokratie“ mittlerweile nicht mehr als ein hohler Kampfbegriff, mit dem man Kritiker und Andersdenkende bekämpfen kann, indem man sie als Feinde derselbigen labelt.

Neben der Schmutzkampagne gegen die größte Oppositionspartei hat der aktuelle „Protest“ aber noch ein weiteres Ziel: er ist eine willkommene Ablenkung von den rechtmäßigen Demonstrationen der Bauern und Unternehmer. Neben dem Höfesterben, das vor allem kleine landwirtschaftliche Familienbetriebe betrifft, hat auch der Mittelstand in den letzten Jahren stark gelitten. Lockdowns während der Corona Jahre und die explodierten Energiekosten, die auf den Ukraine-Krieg zurückgeführt werden, haben kleinen und mittleren Unternehmen vielerorts schweren Schaden zugefügt. Profitiert haben wie üblich große Konzerne, deren Marktstellung sich weiter monopolisiert.
Dass Menschen, die durch die wirtschaftliche Situation, die sich dank der Entscheidungen der Ampelkoalition zunehmend verschlechtert, benachteiligt werden und mit ihrer Kritik auf die Straßen drängen – was ein natürliches Recht in einer Demokratie ist – ist nicht verwunderlich und im Gegenteil, sogar löblich.
So kann ein demokratisches Geschehen und ein Diskurs zwischen Volk und Volksvertretern lebhaft gestaltet und gehalten werden.

Für die Regierungspolitiker, die sich immer weiter im sinnbildlichen Elfenbeinturm verschanzen, ist dieser Protest aber sehr unangenehm und muss unbedingt medial klein gehalten, politisch diskreditiert und im Keim erstickt werden. Niemand möchte doch mit unzufriedenen Bürgern auf den Straßen deutscher Großstädte und auf den Titelseiten großer Zeitungen konfrontiert werden, die das Scheitern einer von Anfang an fehlgeleiteten Politik sichtbar machen.
Viel schöner ist es stattdessen, große Mengen an Menschen für ein „gutes“ und politisch gewolltes Ziel auf die Straße zu bringen: den ewigen und unerschütterlichen Kampf gegen Rechts!
Was mittlerweile alles als „rechts“ definiert wird und wieviel Sinn diese modernen Definitionen machen in einer Zeit, in der das Wort „Nazi“ inflationär gebraucht und beinahe schon auf jeden Regierungskritiker angewendet wird, darüber kann und sollte man unbedingt mal streiten. Aber nicht hier und nicht jetzt.

Hier geht es um die Menschen, denen die aktuelle Bewegung äußerst gelegen kommt, weil sie sich in gewohnter Manier und ausufernder Selbstgerechtigkeit permanent profilieren müssen um sicherzustellen, dass sie zu jeder Zeit und in jeder Situation die Guten sind. Die Lifestyle-linken Tagesschau Fans, die ihr Gewissen mit veganer Ernährung, Bike Commuting und nachhaltig produzierter Bekleidung beruhigen, fühlen sich vom viel beschworenen Kampf gegen Rechts besonders angesprochen. Während nicht wenige von ihnen vor zwei Jahren vermutlich gern noch den ungeimpften Nachbar in die Wüste geschickt hätten, wollen sie heute den AfD wählenden Onkel oder den Kollegen, der es wagt die Waffenlieferungen an die Ukraine anzuzweifeln, mit großer Begeisterung ausgrenzen, als „rechts“ oder „rechtsextrem“ brandmarken und gesellschaftlich  ruinieren. Denn das ist neben Gendern, Klimaschutz und Transrechten eines der wichtigsten Anliegen um unsere vermeintliche Demokratie zu retten.
Mal ehrlich, wer braucht schon Frieden, Abrüstung, soziale Gerechtigkeit und den Kampf gegen den Kapitalismus? Das ist doch alles politischer Schnee von gestern.

Wenn ein Mensch mit urlinkem Gedankengut also auf diese von der Regierung beworbenen Demonstrationen schaut, sollte ihm unweigerlich folgender Gedanke kommen: „Kann ich das unterstützen?“
Die klare Antwort ist nein.
Und ich möchte sie gern aus meiner persönlichen Perspektive begründen. Zunächst einmal macht sich ein Linker nicht mit den Anliegen des Establishments gemein. Das Establishment in einem kapitalistischen System ist und bleibt immer der Gegner. Politiker, die mit großem Eifer in die eigene Tasche wirtschaften, an sozialen Anliegen im Staat sparen, die Bevölkerung mittels Propaganda und Ideologie für Krieg und den eigenen Ruin indoktrinieren (Wem kommt da nicht König Théoden in den Sinn, der seine Eorlingas mit „Reitet zur Vernichtung und zum Ende der Welt! TOD!“ auf den bevorstehenden Endkampf einschwört? Aber der hatte wenigstens ein vertretbares Ziel.), ständige Diener des Lobbyismus sind und sich für die Konflikte einer Großmacht einspannen lassen und diese mit enormen finanziellen Mitteln unterstützen, auch wenn das Tod und Vertreibung bedeutet, SIND der Feind.

Daran gibt es nichts, aber auch gar nichts zu rütteln.

Weiterhin ist das Bestreben eine legitim gewählte Partei, auch wenn sie einem nicht gefallen mag, zu verbieten um ihren politischen Siegeszug zu beenden, in hohem Maße undemokratisch. Wollten wir Linken nicht immer mehr Demokratie anstatt weniger? Jetzt jedenfalls begibt sich dieser Staat auf einen Weg, den wir nur entfernt aus Ländern wie der Ukraine kennen, in denen Oppositionsparteien gänzlich verboten und politische Gegner verfolgt und eingesperrt werden, damit die Regierung ihren tödlichen Kurs unbehelligt fortsetzen kann.
Währenddessen stehen Kids, die sich für antifaschistisch und links halten, mit Holocaust-verharmlosenden Plakaten gegen die AfD auf der Straße und haben im Übrigen gegen den Genozid an den Palästinensern in der Regel überhaupt nichts einzuwenden, weil ihnen von Eltern, Lehrern und Medien beigebracht wurde, dass Israel und Judentum praktisch das Gleiche sind und wir Deutschen historisch betrachtet eine ewige Schuld gegenüber beidem haben.
Wo soll das noch hinführen?

Der Weg eine populistische Partei wie die AfD in die politische Bedeutungslosigkeit zu führen – was doch das erklärte Ziel von den vermeintlichen Linken ist? - kann nur über einen legitimen Weg geschehen. Nämlich, indem Altparteien oder neue Parteien wie das "Bündnis Sahra Wagenknecht" endlich die Politik machen, die der gemeine Bürger sich wünscht und die er auch braucht. Eine Politik, die den Bedürfnissen der Bevölkerung zugute kommt, anstatt gegen sie zu wirken.
Eine Politik, die nicht von Lobbyismus, den Anliegen großer Konzerne oder anderer Staaten geleitet wird, sondern von aufrichtigen Volksvertretern, die ihren Job ernst nehmen, mit ganzem Herzen dahinter stehen und ihre Seele nicht für dreißig Silberlinge verkaufen.
Eine Politik, die Demokratie, Diskurs und Meinungsvielfalt fördert, anstatt unliebsame Meinungen im Keim ersticken zu wollen und die Gesellschaft zu spalten.
Eine Politik, die nicht versucht ihre eigenen Ziele mittels Propaganda in die Bevölkerung zu tragen um ihre Entscheidungen zu rechtfertigen, sondern die tatsächlichen Anliegen der Menschen vertritt.

Solange diese Politik nicht existiert, kann ich persönlich für nichts, was dieser Staat tut, eintreten. Ich kann auch nicht für seine Absichten auf die Straße gehen.
Kein aufrichtiger Linker und auch sonst kein ehrlicher Demokrat kann das mit seinem Gewissen vereinbaren.

Stattdessen werde ich für die Sorgen und Bedürfnisse meiner Mitmenschen eintreten, die die politische Entwicklung in diesem Land mit der gleichen wachsenden Sorge betrachten wie ich. An ihrer Seite werde ich stehen, meine Kritik an den „Repräsentanten“ des Volkes lautstark äußern und das tun, was ein Linker eben tun sollte: ein verlogenes und moralisch verkommenes Establishment anprangern. Stets auf der Seite der Unterdrückten stehen, statt auf der der Unterdrücker.
Ein aufrichtiger Proletarier sein, der mit anderen aufrichtigen Proletariern für soziale Gerechtigkeit kämpft.
Denn eins dürfen wir nie vergessen… Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Völkern. Sie verlaufen noch nicht einmal zwischen Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten. Die Grenzen verlaufen zwischen Oben und Unten.

von NIKITA

Was geschah am 07. Oktober in Nahost?

Israel, Palästina und die Medien

Am 07. Oktober 2023 eskalierte der Nahostkonflikt zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern auf ungewohnte härte. Es flogen (wie gewohnt) Raketen aus dem Gaza-Streifen und Hamas-Kämpfer drangen in Israelisches Staatsgebiet ein und nahmen einige Hundert Israelis als Geiseln. 
Es gibt Hinweise darauf, dass bis zur Hälfte der getöteten Israelis Kombattanten waren; dass die israelischen Streitkräfte für einige ihrer eigenen zivilen Todesfälle verantwortlich waren; und dass Tel Aviv falsche Geschichten über "Hamas-​Gräueltaten verbreitete," um seinen verheerenden Luftangriff auf palästinensische Zivilisten in Gaza zu rechtfertigen.
Zwei Wochen nach dem Ausbruchsangriff der Hamas auf Israel am 07. Oktober zeichnet sich nun ein klareres Bild davon ab, was passiert ist – wer starb und wer tötete.

Anstelle des von Israel behaupteten Großmassakers an Zivilisten zeigen unvollständige Zahlen der hebräischen Zeitung "Haaretz", dass fast die Hälfte der an diesem Tag getöteten Israelis tatsächlich Kombattanten waren – Soldaten oder Polizisten.
In der Zwischenzeit hat die zweiwöchige breitflächige Berichterstattung westlicher Medien darüber, dass die Hamas bei ihrem Militärangriff am 07. Oktober angeblich etwa 1.400 israelische Zivilisten getötet habe, dazu beigetragen, die Emotionen zu schüren und das Klima für die uneingeschränkte Zerstörung des Gaza-Streifens und seiner Zivilbevölkerung durch Israel zu schaffen. Der Hass auf Palästinenser und Araber allgemein nahm ungeahnte Ausmaße an.
Berichte über die Zahl der israelischen Streitkräfte (IDF - Israel Defence Force) wurden gefiltert und so gestaltet, dass sie darauf hindeuten, dass es an diesem Tag zu einem Großmassaker an Zivilisten kam, bei dem Neugeborenen, Kinder und Frauen die Hauptziele eines Terroranschlags seien

Mittlerweile zeichnen detaillierte Statistiken über die Opfer, die von der israelischen Tageszeitung "Haaretz" veröffentlicht wurden, ein völlig anderes Bild. Mit Stand vom 23. Oktober hat die Zeitung Informationen über 683 Israelis veröffentlicht, die während der von der Hamas geführten Offensive getötet wurden, einschließlich der Namen und Orte ihres Todes am 7. Oktober.
Bei 331 Opfern bzw. 48,4 Prozent handelt es sich nachweislich um Soldaten und Polizisten, viele davon weiblich. Weitere 13 werden als Rettungsdienstangehörige beschrieben, die restlichen 339 sind Zivilisten.
Obwohl diese Liste nicht vollständig ist und nur etwa die Hälfte der von Israel angegebenen Todesopfer ausmacht, werden fast die Hälfte der beim Angriff Getöteten eindeutig als israelische Kombattanten identifiziert.

Es wurden bisher auch keine Todesfälle von Kindern unter drei Jahren registriert, was das israelische Narrativ in Frage stellt, dass Neugeborene von palästinensischen Widerstandskämpfern ins Visier genommen wurden. Es stellt sich heraus, dass das eigentliche Bild einen Welpen zeigt. Von den insgesamt 683 bisher gemeldeten Opfern waren sieben im Alter zwischen Vier und Sieben Jahren und neun im Alter zwischen Zehn und 17 Jahren. Die restlichen 667 Opfer scheinen Erwachsene zu sein.
Die Zahl und der Anteil der palästinensischen Zivilisten und Kinder unter denen, die in den letzten zwei Wochen durch israelische Bombardierungen getötet wurden liegt bei über 5.791 Toten, darunter 2.360 Kinder und 1.292 Frauen sowie mehr als 18.000 Verletzten. Die Zahlen sind weitaus höher als alle diese israelischen Zahlen aus den Ereignissen vom 07. Oktober.

Die von der Hamas angeführte Militäroperation mit dem Codenamen "Al-​Aqsa-​Flut" begann am 07. Oktober gegen 6:30 Uhr (Ortszeit)mit einem dramatischen Überfall im Morgengrauen. Begleitet wurde dies von einer Reihe von Sirenen, welche die Stille des besetzten Jerusalems durchbrachen und den Beginn eines außergewöhnlichen Ereignisses in der 75-​jährigen Geschichte des Besatzungsstaates signalisierten.
Nach Angaben des Sprechers des bewaffneten Flügels der Hamas, der Al-​Qassam-​Brigaden, überquerten rund 1.500 palästinensische Kämpfer die gewaltige Trennmauer zwischen Gaza und Israel.
Allerdings beschränkte sich dieser Ausbruch nicht nur auf Hamas-​Truppen; zahlreiche bewaffnete Kämpfer, die anderen Fraktionen wie dem Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) angehörten, durchbrachen später die Waffenstillstandslinie, zusammen mit einigen Palästinensern, die keiner organisierten Miliz angeschlossen waren.
Als sich herausstellte, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Widerstandsoperation handelte, strömten schnell Hunderte von Videos in die sozialen Medien, von denen The Cradle die meisten gesehen hat. Sie zeigen tote israelische Soldaten und Siedler, heftige Schusswechsel zwischen verschiedenen Parteien und die Geiselnahme von Israelis in den Gazastreifen.
Diese Videos wurden entweder mit den Handys von Israelis aufgenommen oder von palästinensischen Kämpfern veröffentlicht, die ihren eigenen Einsatz filmten. Erst Stunden später tauchten weitere grausame und ausgesprochen zweifelhafte Anschuldigungen auf.

Aviva Klompas, eine ehemalige Redenschreiberin der israelischen Mission bei den Vereinten Nationen, war die erste namhafte Israelin, die die Behauptung verbreitete, es gebe Berichte darüber, dass ,,israelische Mädchen vergewaltigt und ihre Leichen durch die Straße geschleift wurden".
Sie veröffentlichte dies am 07. Oktober um 21:18 Uhr (Ortszeit) auf Twitter, obschon in einem Meinungsartikel von ihr, der am 08. Oktober um 12:28  in der "Newsweek" erschien, von sexueller Gewalt keine Rede ist.
Klompas ist außerdem Mitbegründerin von "Boundless Israel", einem "Think-​Action-​Tank", der sich dafür einsetzt, ,,das Wissen über Israel wiederzubeleben und mutige kollektive Maßnahmen zur Bekämpfung des Judenhasses zu ergreifen". Eine zionistische, gemeinnützige Gruppe, die sich für die Verbreitung israelischer Narrative in den sozialen Medien einsetzt.

Der einzige Fall, der als Beweis für eine Vergewaltigung angeführt wurde, war der einer jungen deutsch-​israelischen Frau namens Shani Louk, die mit dem Gesicht nach unten auf der Ladefläche eines Pickups gefilmt wurde und allgemein für tot gehalten wurde.
Es war unklar, ob die Kämpfer, die mit Louk im Fahrzeug gefilmt wurden, Mitglieder der Hamas waren, da sie nicht die Uniformen oder Abzeichen der Al-​Qassam-​Truppen trugen, die in anderen Hamas-​Videos erkennbar waren – einige trugen sogar legere Freizeitkleidung und Sandalen.
Später behauptete ihre Mutter, Beweise dafür zu haben, dass ihre Tochter noch am Leben sei, aber eine schwere Kopfwunde erlitten habe. Dies trifft auch auf Informationen zu, die von der Hamas veröffentlicht wurden und denen zufolge Louk wegen ihrer Verletzungen in einem nicht näher bezeichneten Krankenhaus in Gaza behandelt wurde.
Problematisch ist auch, dass die Israelis an dem Tag, an dem diese Vergewaltigungsvorwürfe aufkamen, keinen Zugang zu diesen Informationen gehabt haben dürften. Ihre Streitkräfte hatten viele, wenn nicht die meisten der vom Widerstand befreiten Gebiete noch nicht betreten und waren immer noch an mehreren Fronten in bewaffnete Auseinandersetzungen mit ihnen verwickelt.
Dennoch nahmen diese Vergewaltigungsvorwürfe ein Eigenleben an, und sogar US-​Präsident Joe Biden behauptete in einer Rede Tage später, israelische Frauen seien von Hamas-​Kämpfern ,,vergewaltigt, angegriffen und als Trophäen zur Schau gestellt" worden. Es ist wichtig anzumerken, dass in dem Artikel von "The Forward" vom 11. Oktober berichtet wurde, das israelische Militär habe zugegeben, zu diesem Zeitpunkt über keine Beweise für solche Anschuldigungen zu verfügen.

Als die IDF später eigene Vorwürfe über Enthauptungen, Fußamputationen und Vergewaltigungen erhob, wies "Reuters" darauf hin, dass ,,das Militärpersonal, das den Identifizierungsprozess überwachte, keine forensischen Beweise in Form von Bildern oder Krankenakten vorgelegt hatte". Bisher wurden keine glaubwürdigen Beweise für diese Gräueltaten vorgelegt.
Andere empörende Anschuldigungen, wie die Geschichte, die Hamas habe ,,40 Babys enthauptet", machten Schlagzeilen und kamen auf die Titelseiten unzähliger westlicher Nachrichtenagenturen. Sogar Biden behauptete, ,,bestätigte Fotos gesehen zu haben, auf denen Terroristen Babys enthaupten". Die Behauptungen gehen auf den israelischen Reservesiedler und Soldaten David Ben Zion zurück, der zuvor gewalttätige Ausschreitungen gegen Palästinenser angezettelt und die Zerstörung der Stadt Huwara im Westjordanland gefordert hatte Es wurden nie Beweise für diese Behauptungen vorgelegt und das Weiße Haus selbst bestätigte später, dass Joe Biden solche Fotos noch nie gesehen hatte. Die meisten der gezeigten Beweise für diese Gräueltat lassen sich als Fälschung enttarnen, wie zum Beispiel ein durch KI manipuliertes Bild, welches ein angeblich verbranntes Neugeborenes zeigen soll. Dieses Beispiel weckt bei manch einem Erinnerungen an Bucha, wo sich die Medien auch auf das Ereignis stürzten und mutmaßlich voreilige Schlüsse zogen.

Es gibt kaum bis keine glaubwürdigen Beweise dafür, dass palästinensische Kämpfer am 07. Oktober einen Plan hatten oder absichtlich versuchten, unbewaffnete israelische Zivilisten zu töten oder ihnen Schaden zuzufügen. Anhand des verfügbaren Filmmaterials können wir sehen, wie sie sich hauptsächlich mit bewaffneten israelischen Streitkräften auseinandersetzten, was den Tod von Hunderten von Besatzungssoldaten zur Folge hatte. Abu Obeida, Sprecher der Qassam-​Brigaden, machte am 12. Oktober deutlich:
,,Die Al-​Aqsa-​Flutoperation zielte darauf ab, die Gaza-​Division (eine israelische Armeeeinheit an den Grenzen des Gazastreifens) zu zerstören, die an 15 Punkten angegriffen wurde, gefolgt von Angriffen auf 10 weitere militärische Interventionspunkte. Wir griffen den Standort Zikim und mehrere andere Siedlungen außerhalb des Hauptquartiers der Gaza-​Division an."
Abu Obeida und andere Widerstandsfunktionäre behaupten, dass das andere Hauptziel ihrer Operation darin bestand, israelische Gefangene zu machen, die sie gegen die etwa 5.300 palästinensischen Gefangenen austauschen könnten, die in israelischen Haftanstalten festgehalten werden, darunter viele Frauen und Kinder.
Der stellvertretende Leiter des Hamas-​Politbüros von Saleh Al-​Arouri betonte in einem Interview nach der Operation: ,,Wir haben eine große und qualitativ hochwertige Anzahl leitender Beamter. Alles, was wir jetzt sagen können, ist, dass die Freiheit unserer Gefangenen vor der Tür steht."

Beide Seiten spielen dieses Spiel: Seit Beginn seines militärischen Angriffs auf Gaza hat Israel mehr als 1.200 Palästinenser im besetzten Westjordanland festgenommen und eingesperrt. Bisher gab es 38 Abkommen über den Gefangenenaustausch zwischen den Widerstandsgruppen und Tel Aviv – Abkommen, gegen die sich die Israelis oft bis zur letzten Minute sträubten.
Während Zeugnisse dieser Art durchsickern, tauchen Berichte auf, dass die israelischen Behörden die Misshandlung, Folter und sogar Tötung palästinensischer Gefangener in ihrem Gewahrsam verstärkt haben – ein Verstoß gegen die Genfer Konventionen, die ironischerweise ein nichtstaatlicher Akteur wie die Hamas buchstabengetreu befolgt zu haben scheint.
Im Zusammenhang mit den Ereignissen des 07. Oktober gibt es sicherlich einige Videos, auf denen möglicherweise unbewaffnete Israelis zu sehen sind, die in ihren Fahrzeugen oder an Eingängen zu Einrichtungen getötet werden, damit palästinensische Truppen Zutritt erhalten.

Es gibt auch Videos, die die Kämpfer bei Schießereien mit bewaffneten israelischen Streitkräften zeigen, wobei zwischendurch unbewaffnete Israelis in Deckung gingen, außerdem Videos von Kämpfern, die auf Häuser schießen und Granaten in befestigte Gebiete werfen. Augenzeugenaussagen deuten auch darauf hin, dass Granaten in Schutzbunker geworfen wurden, allerdings ist unklar, von wem.
Sogar beim israelischen "Friedens-​Rave", der als der tödlichste Angriff palästinensischer Kämpfer während ihres Einsatzes bezeichnet wurde, tauchten Videos auf, die zu zeigen schienen, wie israelische Streitkräfte durch eine Menge unbewaffneter Zivilisten hindurch das Feuer auf Ziele eröffneten, die sie für Hamas-​Mitglieder hielten. "ABC News" berichtete außerdem, dass ein israelischer Panzer auf den Ort des Festivals zugefahren ist.

In seinem Bericht über die Ereignisse im Kibbuz Be’eri fotografierte "ABC News" Artilleriegeschütze, die israelischer Munition ähnelten, vor einem ausgebombten Haus. Der Reporter David Muir erwähnte, dass in der Folge Hamas-​Kämpfer in Plastiktüten eingehüllt gefunden worden seien.
Darüber hinaus zeigen Videos der Szene Häuser, die offenbar von Munition getroffen wurden, die Hamas-​Kämpfer nicht besaßen. Muir berichtete, dass etwa 14 Menschen in einem Gebäude von palästinensischen Kämpfern als Geiseln festgehalten wurden.

Ein am 20. Oktober in hebräischer Sprache veröffentlichter "Haaretz"-​Artikel, der auf Englisch nur in einem unbedingt lesenswerten Mondoweiss-​Artikel erschienen ist, zeichnet eine ganz andere Geschichte dessen, was an diesem Tag in Be’eri geschah. Ein Kibbuzbewohner, der nicht zu Hause war und dessen Partnerin beim Angriff getötet wurde, enthüllt verblüffende neue Details:
,,Seine Stimme zittert, als ihm seine Partnerin einfällt, die zu dieser Zeit zuhause in ihrem Schutzraum belagert wurde. Ihm zufolge schloss die IDF die vollständige Übernahme des Kibbuz’ erst am Montagabend (09. Oktober) ab, und dies nur, nachdem die Kommandeure vor Ort schwierige Entscheidungen getroffen hatten – einschließlich des Beschusses von Häusern mit allen darin Anwesenden, um die Terroristen zusammen mit den Geiseln zu eliminieren. Der Preis war schrecklich: Mindestens 112 Be’eri wurden getötet. Andere wurden entführt. Gestern, 11 Tage nach dem Massaker, wurden in einem der zerstörten Häuser die Leichen einer Mutter und ihres Sohnes entdeckt. Man geht davon aus, dass noch weitere Leichen in den Trümmern liegen."
Fotobeweise der Zerstörung in Be’eri bestätigen seine Darstellung. Nur die schwere Munition der israelischen Armee hätte auf diese Weise Wohnhäuser zerstören können.

Yasmin Porat, eine Überlebende aus dem Kibbuz Be’eri, sagte in einem Interview für eine israelische Radiosendung beim Staatssender Kan, die israelischen Streitkräfte hätten ,,alle eliminiert, einschließlich der Geiseln", und fügte hinzu: »Es gab sehr, sehr schweres Kreuzfeuer«, und sogar Panzerbeschuss.
Porat hatte an der Nova-​Rave teilgenommen und in verschiedenen Interviews mit israelischen Medien die humane Behandlung bezeugt. Sie erklärte: die Hamas-​Kämpfer ,,schützten uns" während der Gefangenschaft, und sagten ihr auf Hebräisch: ,,Schau mich gut an, wir werden dich nicht töten. Wir wollen dich nach Gaza bringen. Wir werden dich nicht töten. Also sei ruhig, du wirst nicht sterben. (...) Dann und wann gaben sie uns etwas zu trinken. Wenn sie sahen, dass wir nervös sind, beruhigten sie uns. Es war sehr beängstigend, aber niemand hat uns gewalttätig behandelt. Zum Glück ist mir nichts passiert, wie ich es in den Medien gehört habe."

Immer häufiger und zum Entsetzen einiger israelischer Beamter und Nachrichtenkanäle bezeugen israelische Augenzeugen und Überlebende des Blutvergießens, dass sie von palästinensischen Kämpfern gut behandelt wurden. Am 24. Oktober beklagte der israelische Staatssender "Kan" die Tatsache, dass die am Tag zuvor von der Hamas freigelassene Gefangene Yocheved Lifshitz live im Fernsehen Erklärungen abgeben durfte.
Als sie den Vermittlern des Roten Kreuzes übergeben wurde, wurde die ältere israelische Gefangene dabei gefilmt, wie sie sich umdrehte, um ihrem Hamas-​Entführer zum letzten Abschied die Hand zu drücken. Die Live-​Übertragung von Lifshitz, in der sie über ihre zweiwöchige Tortur sprach, ,,humanisierte" ihre Hamas-​Entführer noch mehr, als sie von ihrem täglichen Leben mit den Kämpfern erzählte:
,,Sie waren sehr freundlich zu uns. Sie haben sich um uns gekümmert. Wir bekamen Medikamente und wurden behandelt. Einer der Männer bei uns wurde bei einem Motorradunfall schwer verletzt. Ihre (Hamas-)Sanitäter versorgten seine Wunden, er bekam Medikamente und Antibiotika. Die Leute waren freundlich. Sie haben den Ort sehr sauber gehalten. Sie waren sehr besorgt über uns."

Es ist wichtig zu erkennen, dass in vielen Berichten westlicher Journalisten vor Ort die meisten Informationen über die Aktionen von Hamas-​Kämpfern von der israelischen Armee stammen – einem aktiven Teilnehmer am Konflikt.
Neue Erkenntnisse deuten nun darauf hin, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, insbesondere aufgrund des Ausmaßes der Infrastrukturschäden, dass israelische Streitkräfte absichtlich Gefangene getötet, auf falsche Ziele geschossen oder bei ihren Feuergefechten Israelis mit Palästinensern verwechselt haben könnten. Wenn die einzige Informationsquelle für eine schwerwiegende Behauptung die israelische Armee ist, muss berücksichtigt werden, dass sie Grund hat, Fälle von Friendly Fire zu verheimlichen.
Auch in den darauffolgenden Tagen war das israelische Eigenfeuer von einer Armee ohne wirkliche Kampferfahrung weit verbreitet. In der Stadt Aschkelon erschossen israelische Soldaten am 08. Oktober einen Mann, von dem sie glaubten, er sei ein Hamas-​Kämpfer gewesen, und schrien seiner Leiche Beleidigungen zu. Später stellten sie jedoch fest, dass sie einen israelischen Landsmann hingerichtet hatten. Dies ist nur eines von drei solchen Beispielen für Friendly Fire am selben Tag, bei dem Israelis durch ihre eigenen Truppen getötet wurden.
Inmitten des Nebels des Krieges haben die Konfliktparteien unterschiedliche Perspektiven auf die Ereignisse während des ersten Überfalls und seine Folgen. Es ist unbestritten, dass palästinensische bewaffnete Gruppen dem israelischen Militär erhebliche Verluste zugefügt haben, aber über alles andere wird es in den kommenden Wochen und Monaten noch zahlreiche Debatten geben.

Eine unabhängige, unparteiische, internationale Untersuchung ist dringend erforderlich, die Zugang zu Informationen aller am Konflikt beteiligten Seiten hat. Weder die Israelis noch die Amerikaner werden dem zustimmen, was wiederum darauf hindeutet, dass Tel Aviv viel zu verbergen hat.
In der Zwischenzeit ertragen palästinensische Zivilisten in Gaza anhaltende, wahllose Angriffe mit den fortschrittlichsten schweren Waffen, die es gibt, und leben unter der anhaltenden Gefahr einer erzwungenen und möglicherweise unumkehrbaren Vertreibung. Dieser israelische Luftangriff wurde nur durch die Flut unbewiesener "Hamas-Gräueltaten"-Geschichten ermöglicht, die ab dem 07. Oktober in den Medien zu kursieren begannen.

von ASKL

Der böse Russe

Woher kommt der Hass auf Russland?

Regelmäßig erscheinen in den bürgerlichen Zeitungen, Rundfunkanstalten oder der Popkultur russenfeindliche Hass- oder Hetzbeiträge, bei denen man sich fragt, woher nehmen die Autoren nur ihre Verleumdungen? Woher kommt eigentlich dieser abgrundtiefe Russenhass? Da schreibt beispielsweise ein Leser, der sich als „normaldenkender Zeitgenosse“ bezeichnet, an seine Tageszeitung einen Leserbrief, der von Niedertracht nur so strotzt. Wir kennen ja die üblichen Beschuldigungen, dass die „Leichen im eigenen Keller“ kurzerhand dem politischen Gegner angedichtet werden.

Es ist nicht neu, wenn Begriffe vertauscht werden, die Russen von den Ukrainern und von ihren westlichen Kuratoren als ,,Nazis" beschimpft, und in gleicher Logik das faschistische Regime in Kiew beschönigend als „die ukrainische Regierung“ bezeichnet wird. Die Russen und insbesondere der russische Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin werden als „Barbaren“ dargestellt, denen man alle nur denkbaren Verbrechen anhängen kann: Mord und Totschlag, Plünderungen und Kindesentführungen. Wen wundert’s, wenn dann auch noch die „Kreml-Diktatur“ mit dem Hitlerfaschismus durch das ,,Z"-Symbol auf eine Stufe gestellt, und der faschistische Maidan-Putsch von 2014 mit dem Überfall der Nazis auf den Sender Gleiwitz gleichgesetzt wird. Dümmer geht’s nimmer! Sollte man meinen.

Es vergeht kein Tag, ohne dass die westlichen Medien und ihre Propagandisten in den Redaktionen vom „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ auf die Ukraine faseln (Präsident Putin als „paranoider Aggressor“), und die ukrainische Seite angebliche „Erfolge“ bei ihrer Gegenoffensive im Kampf gegen die russischen „Invasoren“ zu melden haben. Ja, sicher! …es steckt ein „fanatischer Antiamerikanismus“ dahinter, falls da jemand noch die Frage stellt, woher das Selensky-Regime seit über einem Jahrzehnt seine militärischen und finanziellen Zuwendungen bezieht. Der militärisch-industrielle Komplex der NATO und seine Fürsprecher, die Rüstungslobbyisten im deutschen Bundestag, beklagen heuchlerisch und mit besorgter Attitüde die zivilen Opfer und die vielen Kinder, die angeblich durch russische Raketen umgekommen seien, während Bundeswehroffiziere selbstbewusst verkünden, dass man sich auf einen langen Krieg werde einstellen müssen, und die Bundeswehr der Ukraine selbstverständlich „helfen“ werde (dem mit Faschisten kuschelndem Regime in Kiew – wohlgemerkt!).

Dass der Krieg der Ukraine gegen die eigene Bevölkerung im Donbass nicht erst am 24. Februar 2023, sondern bereits 2014 begonnen hat, als die ukrainische Armee zielgerichtet Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten und belebte Wohngebiete bombardierte. Kein Wort darüber in ,,unseren" Medien, dass mindestens acht bis zehntausend unbewaffnete Menschen, darunter Hunderte Kinder, diesem Terror zum Opfer fielen, und ein Ende dessen ist nicht abzusehen. Nein – die Lüge beginnt schon mit dem eigentlichen Kriegsbeginn. Es war ein Völkermord! Und der deutsche Bundeskanzler Scholz kommentierte das mit einem Wort, er nannte es „lächerlich!“ Kann man eigentlich noch zynischer sein? Dass heute ukrainische Soldaten an der Front, schlecht ausgebildet, unzureichend bewaffnet und schutzlos den russischen Gegenangriffen ausgesetzt sind, buchstäblich als Kanonenfutter geopfert werden – auch davon in den NATO-Medien kein Wort. Und es herrscht peinliches Schweigen, wenn man auf Hitlerkollaborateure, wie Stepan Bandera, Melnyk und Schuchewitsch zur sprechen kommt, die heute den ukrainischen Nazis als Vorbild dienen, und wenn in den USA und auf ukrainischer Seite immer wieder Hakenkreuz-Fahnen und bei den ukrainischen Soldaten nazistische Tätowierungen auftauchen (alles Einzelfälle).

Der Russenhass hat eine lange Geschichte. In seinem 1947 erschienenen Buch über den Bewahrer und Verteidiger des russischen Reiches, „Iwan Grosny“ schreibt Professor Wipper:
,,Es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, auf jene Tendenzen und Stimmungen einzugehen, die sich in der deutschen Wissen­schaft nach dem Ersten Weltkriege von 1918 an herauszubilden begannen, doch ihr Wesenskern lässt sich in wenigen Worten defi­nieren. In Deutschland erstarkte ein kriegerischer Nationalismus, für den blindwütigen, verbohrten Faschismus wurde der Boden vorbereitet."

Ein Großteil der deutschen Gelehrten, die sich mit dem Ver­lust der Denk- und der Lehrfreiheit abgefunden, sich der feudalen Disziplin willig unterworfen und nicht einmal das Niveau der libera­len bürgerlichen Wissenschaft erreicht hatten, fügten sich den Wei­sungen der Obrigkeit; diese Obrigkeit aber rief die ganze deutsche Bevölkerung auf, nach Osten zu marschieren, um das Slawentum zu bekämpfen; in diesem Feldzuge war den Wissenschaftlern die Rolle der Vorkämpfer zugedacht: Beweise für die physische Untauglichkeit und die geistige Unfähigkeit der slawischen Rasse überhaupt und des russischen Volkes insbesondere zu sammeln.

Es ist leicht zu begreifen, warum die deutsche Wissenschaft so gierig nach Stadens Aufzeichnungen griff, hatte sie doch in dieser Schrift den ihr erforderlichen Anklageakt gegen das russische Volk gefunden, das sich auf eine „historische“ Grundlage stützende Vorwort zu dem geplanten Feldzuge gegen die Sowjetunion. Mit welcher Begeisterung vertieften sich die deutschen Wissenschaftler in Stadens „Anschlagk“, Moskowien zu einer Provinz des Heiligen Römischen Reiches zu machen! Mit welch verzücktem Jubel griffen sie den Aufruf Stadens zur Brandschatzung des russischen Landes auf: „Die Städte und die Dörfer sollen freie Beute der Kriegsleute sein!“ Wie gierig lauschten sie den Spottreden des deutschen Verräters über die Ignoranz und die Barbarei des russi­schen Volkes, über seine „Unfähigkeit“, seine Heimat zu verteidigen!
Zur Erklärung:
Heinrich von Staden (1545-1578), war ein deutscher Abenteurer und der Verfasser mehrerer Aufzeichnungen über den Moskauer Staat. „Anschlagk“ ist der Titel einer seiner Notizen. Diese handschriftlich vorliegenden Faszikel bewogen deutsche Historiker nach 1916 über das seelische Gleichgewicht und die angebliche Perversität Iwan Grosnys zu spekulieren. Man ging davon aus, wenn ein Autor ein Buch über den Moskauer Staat und dessen Bräuche schrieb, müsse Moskowien gleichfalls ein barbarisches Land sein, das nach grausamsten asiatischen Methoden regiert werde, ein unzivilisiertes Land, das an seiner Rückständigkeit und dem Mangel an Verbindung mit dem aufgeklärten Europa zugrunde gehen werde. Zudem hatte ein anderer Autor namens Fletcher im Ergebnis seiner 1589 nach Moskau unternommenen Reise die Russen als verlogen, unzuverlässig, gewalttätig und misstrauisch beschrieben, obwohl er keinerlei Beweise dafür zu erbringen vermochte. Vor diesem dunklen Hintergrunde musste sich um so strahlender die gesetzmäßige, sich auf die Charte gründende Regierung der Königin von England abheben.
Die Aufzeichnungen Stadens wurden im faschistischen Deutsch­land zum aktuellsten Buch, zur Prophezeiung, zum Zukunft Programm. Der mit seiner Hilfe neu belebte böswillige Mythos von der Unfähigkeit des russischen Volkes, seine Heimat zu verteidigen, wurde durch den Großen Vaterländischen Krieg widerlegt, von der helden­mütigen Roten Armee in alle Winde verstreut. Es ist die Aufgabe der Gelehrten der Sowjetunion, diesem großen Ereignis unserer Gegenwart die gebührende historische Auslegung zu geben.

Die nach marxistischen Methoden arbeitenden Historiker haben die Produktionsbeziehungen, die Teilung der Gesellschaft in Klassen und die Politik der jeweiligen Regierungen im Zusammenhang mit der sozialen Bewegung untersucht. Im Interesse einer erfolgreichen und sachgerechten Erforschung der Geschichte des 16. Jahrhunderts, insbesondere der Politik von Iwan Grosny, muss man die schon von Iosef Wissarionowitsch Stalin  aufgestellte und klassisch formulierte Grundthese vor Augen haben:
„In Russland wurde die Rolle des Vereinigers der Nationalitäten von den Großrussen übernommen, an deren Spitze eine historisch entstandene, starke und organisierte adelige Militärbürokratie stand.“ 

Und über die Russen schreibt Professor R. J. Wipper:
„Der Moskauer Staat lebt in dieser Zeit von seinen alten, im Laufe eines ganzen Jahrhunderts aufgespeicherten Kraftreserven. Die dem russischen Volk eigene gewaltige Energie, die sich bei der heldenmütigen Verteidigung Pskows im Jahre 1581 so glänzend bewährt hatte, war noch lebendig und nicht erschöpft.“ 

Und an anderer Stelle zitiert Professor Wipper einen zeitgenössischen Chronisten namens Balthasar Rüssow, einen grimmigen Gegner der Moskowiter:
„Dass aber die Russen“, bemerkt Rüssow, „in einer Feste so gewaltige, streitbare Leute sind, kommt aus diesen Ursachen her. Erstlich, dass es ein arbeitsam Volk ist und in der Not zu allerlei gefährlicher und schwerer Arbeit Tag und Nacht unverdrossen, und Gott bitten, dass sie für ihren Herrn selig sterben mögen. Zum Andern, ist es von Jugend auf zu Fasten und mit geringer Speise sich kümmerlich zu behelfen gewohnt; wenn es nur Wasser, Mehl, Salz und gebrannten Wein hat, kann es sich da lange genug mit behelfen, welches ein Deutscher nicht thun kann. Zum Dritten, wenn sie eine Feste, sei sie so gering, als sie immer will, mit Willen aufgeben, dürfen sie nicht wol wieder in ihr Land kommen; denn sie werden alle mit großen Spotte umgebracht; und in fremden Landen können und mögen sie nicht bleiben. Deshalb halten sie sich bis auf den letzte Mann und lassen sich lieber alle erwürgen, als dass sie mit Geleit in ein fremd Land passieren sollten. Aber einem Deutschen ist es gleich viel, wo er sich verhält, wenn er nur genug zu fressen und zu saufen hat.“

Wenn westliche Politiker und Publizisten sich öffentlich über Russland äußern, dann geschieht dies nahezu ausschließlich in negativer und dabei oft auch in stark abwertender Weise. Ihre Ausführungen sind regelmäßig von bösartigen Unterstellungen geprägt und auffallend häufig fehlt jedes Verständnis für die russische Perspektive. Äußerungen russischer Politiker und Publizisten werden durchgängig als Propaganda und Lügen bewertet. Der russische Präsident darf krass beleidigt und mit den übelsten Figuren der Weltgeschichte auf eine Stufe gestellt werden. Russische Soldaten werden ausschließlich als Kriegsverbrecher, Plünderer oder Vergewaltiger präsentiert, russische Journalisten als verschlagene Infokrieger, russische Unternehmer als kriminell, Beamte als korrupt, ja die gesamte Bevölkerung des Landes als mehr oder weniger autoritätshörig, homophob und rückständig.

Einige Zitate der Feinde Russlands
Condoleeza Rice: „Sibirien ist zu groß, es kann nicht einem Staat gehören. Die Frage über den Reichtum Sibiriens wird bald auf der Tagesordnung stehen. Die russische Föderation umfasst 2% der Weltbevölkerung, sie kontrolliert 15% der Erde und verfügt über 30% der Naturressourcen der Erde. Diese Situation kann nicht länger so bleiben.“
Zbigniew Brzezinsky: „Der kalte Krieg wurde mit dem Sieg einer der beiden Seiten und der Niederlage der anderen beendet. Wie auch bei der Beendigung anderer Kriege gibt es eine KAPITULATION. Dieser Moment ist am 19. November 1990 eingetreten. In der Erklärung, die äußerlich maskiert war als Freundschaftsvertrag, hat Michail Gorbatschow die Sowjetunion in die finale Etappe des kalten Krieges geführt, er nahm die Bedingungen des Siegers an, und das ist der Westen.“
Madleine Albright: „Wir reduzieren die Bevölkerung Russlands um 15 – 25 Millionen. Das reicht für die Versorgung der Erdgasleitungen aus.“
Hillary Clinton: „Unsere Aufgabe ist es, mit allen beliebigen Mitteln und mit Gewalt die Entwicklung Rußlands zu verhindern.“

In die Kritik ihrer Heimatländer geraten die westlichen Absender solcher Äußerungen dafür aber nie. Es scheint eine Art Selbstverständlichkeit in der etablierten politisch-medialen Landschaft zu sein, dass Russland in einer Weise kritisiert und dargestellt werden darf, die im öffentlichen Umgang mit anderen Ländern – auch mit kriegführenden – kaum vorstellbar ist. Die Verantwortlichen greifen dabei auf feststehende Denkschablonen und negative Russlandbilder zurück, die bereits seit Jahrhunderten in westlichen Ländern reproduziert und lediglich begrifflich aktualisiert werden. Diese Russlandbilder sind durch permanente Wiederholung zu einer Grundwahrheit im Westen geronnen, die kaum noch hinterfragt wird.

Der englische Ausdruck „Russophobia“ wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Großbritannien geprägt, als dortige Politiker und Leitmedien – nach dem Ende Napoleons – Russland als neuen, gefährlichen Gegenspieler des Empire im öffentlichen Bewusstsein platzierten. Neu war das Phänomen auch damals nicht, nur fand sich ein prägnanter Begriff dafür. Der Ausdruck Russophobie stellte die Angst ins Zentrum – Angst vor russischer Ausdehnung in die Einflusszonen des damaligen englischen Weltreiches, etwa im Iran oder in Indien. Die „Russian Scare“ nahm derartige Ausmaße an, dass sogar der weit abgelegene Inselstaat Neuseeland in den 1880er Jahren eine Reihe von Küstenfestungen baute, um einen vermeintlichen russischen Angriff abzuwehren.
Das Phänomen Russophobie umfasst jedoch nicht nur Angst, sondern steht insgesamt für eine vorurteilsbehaftete, misstrauische und feindselige Haltung gegenüber Russland. Im deutschen Sprachgebrauch ist denn auch manchmal von Russlandhass oder Russenfeindlichkeit die Rede. Der Begriff bezeichne „eine ablehnende Haltung gegenüber Russland, den Russen oder der russischen Kultur“, so die dezente Definition in der deutschen Wikipedia. Während keine Variante des Begriffs im Duden auftaucht, heißt es im Collins English Dictionary deutlich: Russophobie sei „ein intensiver und oft irrationaler Hass auf Russland“.

Der Historiker Oleg Nemensky kritisiert solche Definitionen als trivial. Der Forscher von der Russischen Akademie der Wissenschaften hat sich tiefer gehend mit dem Phänomen befasst. Feindselige Haltungen habe es in der Geschichte überall und gegen zahlreiche Länder und Völker gegeben, schreibt er. Russophobie reiche jedoch viel weiter. Es handle sich um eine nahezu ganzheitliche Ideologie.
„Das heißt ein besonderer Komplex von Ideen und Konzepten, der seine eigene Struktur, sein eigenes Begriffssystem und seine eigene Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte in der westlichen Kultur sowie seine typischen Erscheinungsformen hat. Das nächstliegende Pendant zu einer solchen Ideologie ist der Antisemitismus.“

Diese Parallele sieht auch der Schweizer Journalist und Politiker Guy Mettan, der 2017 ein Buch zum Thema Russophobie veröffentlichte. Auf Seite 21 heißt es : Wie der Antisemitismus sei die Russophobie „kein vorübergehendes Phänomen, das mit bestimmten historischen Ereignissen verbunden ist; sie existiert zuerst im Kopf desjenigen, der sie sucht, und nicht im angeblichen Verhalten oder den Eigenschaften des Opfers. Wie der Antisemitismus so ist auch die Russophobie eine Methode, bestimmte Pseudotatsachen in wesensmäßige, eindimensionale Werte zu verwandeln, im Falle Russlands in Barbarei, Despotismus und Expansionismus, um Stigmatisierung und Ausgrenzung zu rechtfertigen.“ Er betont darin außerdem den rein westlichen Charakter des Phänomens, das es in anderen Teilen der Welt nicht gebe. Russophobie sei in der westlichen Hemisphäre tief im Unterbewusstsein der Menschen verwurzelt und geradezu ein Teil der hiesigen Identität, die Russland als Gegner brauche, um sich ihrer selbst und ihrer vermeintlichen Überlegenheit zu vergewissern.

Uneinigkeit herrscht darüber, wann diese Haltung historisch entstanden ist. Der Journalist Dominic Basulto, der Russophobie vor allem als mediales Phänomen versteht, schrieb in seinem Buch „Russophobia“ (2015): Die westlichen Narrative über Russland existierten bereits seit mehr als 150 Jahren. Es handele sich um ein „zyklisches Phänomen“, denn Erzählungen von einem guten Russland tauchten immer dann auf, wenn dieses sich in einer Schwächephase befinde, während Geschichten von einem bösen Russland in westlichen Medien dann zum Tragen kämen, wenn das Land sich „durchsetzungsfähig“ zeige. Diese Narrative seien de facto zeitlos und inhaltlich geradezu mythologisch.
Oleg Nemensky geht weiter zurück und argumentiert, die Ideologie der Russophobie sei bereits im späten 16. Jahrhundert entstanden, als neben den heranrückenden Türken auch die Russen zu Feinden des europäischen Christentums erklärt wurden. Russland kämpfte im langen Livländischen Krieg (1558 bis 1583) gegen mehrere europäische Kräfte: Polen, Litauen, Dänemark und Schweden. Der polnische Adel, der territoriale Eroberungsziele in Russland verfolgte, spielte die Hauptrolle bei der ideologischen Rechtfertigung des Krieges im Westen und prägte damit das hiesige Russlandbild.
Der österreichische Historiker Hannes Hofbauer erinnert in seinem Buch „Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung“ daran, dass Polen und Russland auch bereits in den rund hundert Jahren zuvor fünf Kriege um Livland geführt hatten. „Das im Westen des Kontinents verbreitete Bild vom ‚asiatischen, barbarischen Russland‘ ist in dieser Epoche grundgelegt.“ (3) Es sei infolge politischer Interessen entstanden und eine Erfindung polnischer Intellektueller wie des Philosophen Johannes von Glogau, des Bischofs Erasmus Ciolek oder des Krakauer Universitätsrektors Johannes Sacranus gewesen, die ihre anti-russische Kriegspropaganda in Reden und auf Flugschriften in mehreren Sprachen europaweit verbreiteten.
Guy Mettan schließlich geht in seinem Buch sogar bis auf die christliche Kirchenspaltung zwischen der orthodoxen Ostkirche und der katholischen Westkirche (formell 1054) als Ausgangspunkt der anti-russischen Feindseligkeit zurück. Bereits damals sei ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Ost und West propagandistisch konstruiert und von katholischer Seite mit negativen Zuschreibungen für die byzantinische Ostkirche und die orthodoxen Gläubigen gearbeitet worden. Die Zuschreibungen ähnelten bereits stark den späteren russophoben Stereotypen von Barbarei, Rückständigkeit und Despotismus.

Feindselige Russlandbilder entstanden also in verschiedenen Teilen des heutigen Westens zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Ursachen. Den Hintergrund bildete immer Machtpolitik, doch die Rechtfertigungen unterschieden sich: In der katholischen Kirche wurde die Russophobie religiös legitimiert, in Polen-Litauen war sie das Ergebnis direkter territorialer Konflikte, im Frankreich der Aufklärung war sie philosophisch motiviert, im England des „Great Game“ imperial, im Deutschland nach 1900 war sie stark rassistisch und in den USA des Kalten Krieges vor allem antikommunistisch begründet. All diese Entwicklungslinien und Quellen der Russophobie blieben über die Zeiträume latent oder ganz offen erhalten, um bis heute im politisch und medial vereinten Westen zu einem übergreifenden, einzigartigen und sehr machtvollen Phänomen zusammenzufließen.
Die Russophobie bedient sich dabei mehrerer wiederkehrender Stereotype, die manche Autoren auch als „Meta-Narrative“ bezeichnen. Ein genauerer Blick auf diese klassischen russlandfeindlichen Behauptungen lohnt sich, denn er legt die tiefen Wurzeln und die Hartnäckigkeit des negativen westlichen Russlandbildes offen.

Wenn Bundeskanzler Olaf Scholz der russischen Staatsführung heute unterstellt, sie wolle mit dem Einmarsch in die Ukraine ein Imperium aufbauen, bewegt er sich damit auf sehr alten russophoben Pfaden:
„Polen war nur das Frühstück … wo werden sie zu Abend speisen?“, argwöhnte der britische Politiker und Schriftsteller Edmund Burke bereits im Jahre 1772 zu Russlands Rolle bei der ersten Teilung Polens. „Wenn sich Russland auf dem Bosporus festgesetzt hat, wird es Rom und Marseille gleichermaßen schnell erobern“, orakelte die französische Zeitung ,,Spectateur" de Dijon im Jahr 1854 unmittelbar vor dem Krimkrieg. „Die Zukunft gehört Russland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alb auf uns legt“, glaubte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg 1914 kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Auch die „Domino-Theorie“ des Kalten Krieges gehört in dieses Muster.

Seit Jahrhunderten unterstellen Akteure der westlichen Öffentlichkeit den Anführern Russlands, ihren Herrschaftsbereich permanent auf Kosten der Nachbarstaaten erweitern zu wollen. Obgleich es solche russischen Eroberungen in der Geschichte mehrfach gab, so ignoriert dieses Narrativ jedoch gegenteilige historische Entwicklungen komplett. Der friedliche Abzug der Roten Armee und die Auflösung des Warschauer Vertrages nach 1990 beispielsweise hatten keinen nachhaltigen Einfluss auf das westliche Russlandbild, sondern wurden lediglich als Zeichen momentaner russischer Schwäche begriffen.
Entlarvend sind zudem Vergleiche mit westlichen Ländern: Die USA eigneten sich große Teile ihres Staatsgebiets durch Annexionen an und dehnten ihren Machtbereich danach weiter bis zur heutigen globalen Militärpräsenz aus. Auch die Nato befindet sich seit ihrer Gründung in andauerndem Expansionsmodus und steht heute an der russischen Grenze. Jahrhundertelang hatten zuvor europäische Kolonialmächte nahezu alle Weltregionen erobert, aufgeteilt und sich deren Reichtümer angeeignet. Doch nichts von alldem verwandelte die entsprechenden Staaten im westlichen Selbstverständnis zu „gefräßigen“ und weiterhin „hungrigen“ Imperien.

Das Stereotyp vom ewigen russischen Landhunger hingegen ist eine tragende Säule der Russophobie und geht zum Teil auf ein gefälschtes, aber sehr wirkmächtiges Dokument zurück. Verschiedene polnische, ungarische und ukrainische Autoren hatten im Verlauf des 18. Jahrhunderts ein Testament Peters des Großen erfunden und in Europa verbreitet, erläutert der englische Historiker Orlando Figes. Das Fantasiedokument, das in den 1760er Jahren ins Archiv des französischen Außenministeriums gelangte, sprach von umfassenden russischen Eroberungszielen von Europa über den Nahen Osten bis Hinterindien. Obwohl das vermeintliche Zarentestament frühzeitig als Fälschung erkennbar war, wurde es rund 200 Jahre lang von westlichen Außenpolitikern als Rechtfertigung für Kriege gegen Russland instrumentalisiert. Orlando Figes schreibt:
„Das ‚Testament‘ wurde von den Franzosen 1812 – im Jahr ihres Einmarsches in Russland – veröffentlicht, und fortan vervielfältigte und zitierte man es in ganz Europa als schlüssigen Beweis für die expansionistische russische Außenpolitik. Vor jedem Krieg, in den Russland auf dem europäischen Kontinent verwickelt war – 1854, 1878, 1914 und 1941 –, veröffentlichte man es erneut, und während des Kalten Krieges diente es dazu, die aggressiven Absichten der Sowjetunion zu erläutern.“

Auch heutige Unterstellungen, Russland würde nach einem Sieg in der Ukraine mit anderen osteuropäischen Staaten „weitermachen“, agierten im Geiste des gefälschten Testaments, kritisierte der russische Außenminister Sergej Wiktorowitsch Lawrow im Jahr 2022. Dass das Pamphlet eine Fälschung ist, war für russophobe Akteure seit jeher irrelevant, denn es passte ideal in das stereotype Bild: „Weil doch die Fälschung Russlands Politik besser charakterisiert als manche historische beglaubigte Wahrheit“, hieß es 1916 in der deutschen Kriegspropaganda zu dem Dokument. Adolf Hitler äußerte sich 1941 sehr ähnlich – und das, obwohl es in beiden Weltkriegen die deutsche Armee war, die in Russland stand und große Gebiete annektierte.

Das Stereotyp zeigt vor allem die Projektionen westlicher Machtpolitiker, die ihre eigene Denk- und Handlungsweise der russischen Führung unterstellen. Die bis heute herrschende westliche Weigerung, andere Gründe für russische Waffengänge zu akzeptieren als simple Eroberungslust und primitiven Landhunger, ist zudem ein zentraler Grund für die intellektuell äußerst beschränkten Konfliktanalysen, die im Westen in Bezug auf den aktuellen Krieg vorherrschend sind. Politiker und Publizisten, die sich nicht vorstellen können, dass der russische Einmarsch in der Ukraine der Verhinderung einer existenziellen Nato-Bedrohung des russischen Kernlandes dient – sondern der „Wiedererrichtung der Sowjetunion“ –, verhindern jede konstruktive Problemlösung und fördern stattdessen hochgefährliche politisch-militärische Entscheidungen.

Eine andere jahrhundertealte Konstante der Russophobie ist die Überzeugung, Russland sei rückständig und im Kern sogar wild und unzivilisiert bis zur Barbarei. Das Stereotyp wird auf den materiell-technologischen Entwicklungsstand Russlands genauso angewendet wie auf die geistig-kulturelle Verfasstheit der Bevölkerung. Regelmäßige Begleiterscheinung dieser Behauptung ist ein offensichtliches westliches Überlegenheitsgefühl und der Glaube daran, Russland müsse erst einmal das nachholen, was der Westen schon lange erreicht habe.
Die Überzeugung wird in ganz verschiedenen öffentlichen Diskursen sichtbar, egal ob es um russische Gesellschaftspolitik geht, um Wirtschaft und Technik oder um den aktuellen Krieg. Beschränkt man den Blick nur auf letzteres Thema, finden sich bereits zahlreiche Anklänge an dieses stereotype Russlandbild: Hiesige Politiker und Publizisten warfen Wladimir Putin vor, im Ukraine-Konflikt wie ein „Machthaber des 19. Jahrhunderts“ zu agieren. Regelmäßig ist zu lesen, die russische Armee habe nur noch „Uralt-Waffen“ und die Rüstungsindustrie werde ohne den Import fortschrittlicher westlicher Technologie bald zusammenbrechen. Russland führe auch diesen Krieg traditionell mit Masse statt Klasse, agiere mit „veralteten Doktrinen“. Ja, die russische Armee sei – im Gegensatz zur NATO – derart unprofessionell und barbarisch, dass sie außer Kriegsverbrechen nichts auf die Reihe kriege.

Das Stereotyp der russischen Rückständigkeit ist sehr alt und konnte sich historisch nur festsetzen, weil gegensätzliche Fakten im Westen beständig ignoriert wurden. „Russland ist wie eine andere Welt“, schrieb der Bischof Matvey von Krakau schon Mitte des 12. Jahrhunderts in einem Brief an den französischen Kreuzzugprediger Bernhard von Clairvaux. Doch so richtig Fahrt nahm das Stereotyp erst im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit auf, als Europa begann, eine Identität als gesonderter Kulturkreis auszubilden, was im Wesentlichen durch die Abgrenzung von anderen Kulturräumen geschah, erläutert der Historiker Christophe von Werdt.
„Russland spielte in diesem Wechselspiel von europäischer Identitätsbildung und Wahrnehmung des Fremden eine besonders wichtige Rolle. Denn in seinem Fall wurde Europa mit einem ‚fremden‘ christlichen Land konfrontiert, das es nicht kolonisieren und das es sich nicht kulturell angleichen konnte.“

Im 16. und 17. Jahrhundert kamen zunehmend Westeuropäer als Diplomaten, Söldner oder Kaufleute nach Russland und berichteten auch schriftlich über ihre Eindrücke aus dem unbekannten Land. Der Osteuropahistoriker Manfred Hildermeier schreibt, die kulturelle Distanz, die in den Aufzeichnungen zu Tage tritt, verband sich „mehr und mehr mit einem Überlegenheitsgefühl“. Deutsche Reisende berichteten beispielsweise erstaunt, dass die Russen nackt vor aller Augen im Fluss badeten. Männer und Frauen gingen nicht nach Geschlechtern getrennt, sondern zusammen in die fast überall befindlichen Saunen. Auch das öffentliche Schnäuzen, Spucken, Rülpsen oder Fluchen empörte damalige westliche Besucher.

„Was die Reisenden an Russland verurteilten, war nicht zuletzt die Vergangenheit ihrer eigenen Kultur. Dies mag auch die Überlegenheit erklären, die sie sich selber anmaßten, und verständlich machen, warum sie übersahen, was nicht in ihr Bild passte – etwa die häufigen Saunagänge der Russen (in einer Zeit, in der an europäischen Adelshöfen Parfum das Waschen ersetzte, die Verpönung der Darstellung von Nacktheit (…) oder der Umstand, dass kein Russe mit dem Schwert herumfuchtelte (schon weil er keines trug) und bei allem lauten Zank kein Blut floss. Die Reisenden erlagen keinem Missverständnis, sondern waren partiell blind.“

Der Schweizer Autor Guy Mettan zeigt die Selektivität im westlichen Urteil noch pointierter auf. Er vergleicht den populären Reisebericht des französischen Astronomen Jean Chappe d’Auteroche von 1761 mit dem zeitgleich entstandenen Bericht eines japanischen Bootskapitäns namens Kodayu, der zur selben Zeit dieselbe Strecke durch Sibirien bereiste wie der Franzose. „Jedoch scheinen sie zwei unterschiedliche Planeten zu beschreiben“, notiert Mettan, denn die Ausführungen der Reiseberichte könnten unterschiedlicher nicht sein.

Während d’Auteroche in Russland überall Rückständigkeit und Barbarei erkennt, beschreibt Kodayu nüchtern Alltag, Lebensumstände und gesellschaftlich-politische Verhältnisse. Beide Bücher nebeneinander zu lesen sei faszinierend, denn dies decke schmerzlich den Gegensatz auf zwischen der Unvoreingenommenheit des Reisenden aus Fernost und dem Drang des Westlers, von oben herab über andere zu urteilen und seinen vermeintlichen zivilisatorischen Vorsprung zu betonen.
Außerdem lässt sich argumentieren: Aus Sicht anderer Weltregionen war Russland eben nicht unterentwickelt oder unzivilisiert. „Wer dem Russischen Reich Rückständigkeit attestierte, maß es [ausschließlich] an der westeuropäischen Elle“, erklärt Manfred Hildermeier. Fortschrittlichkeit hätten die Westeuropäer immer nur bei sich selbst verortet. Der Osteuropahistoriker hält das Stereotyp der Rückständigkeit für so zentral, dass er ihm das gesamte Schlusskapitel seiner „Geschichte Russlands“ widmete.
Auch Fraktionen russischer Intellektueller und Teile der Oberschicht trugen zur Verfestigung des Konzepts bei, indem sie es übernahmen und einige Länder des Westens (Niederlande, Frankreich, Italien, Preußen) zu Vorbildern auf bestimmten Wissensgebieten erklärten, denen es nachzueifern gelte. Berühmtestes Beispiel ist sicherlich Peter der Große, der Russland nach seiner Europareise mit zahlreichen Reformen von oben in die europäische Neuzeit „peitschte“.
Rückständigkeit sei jedoch immer relativ, das heißt zeitlich befristet und auf bestimmte Bereiche begrenzt, schreibt Hildermeier. Heißt: Sobald ein Land in einem Sektor aufgeholt hat, kann es auf diesem Gebiet bald sogar führend werden. Die russischen Leistungen in Naturwissenschaften und Kunst des 19. Jahrhunderts oder in der Luft- und Raumfahrt des 20. Jahrhunderts stehen beispielhaft dafür. Russland ging zudem von der simplen Verpflanzung westlicher Innovationen unter Peter dem Großen in folgenden Jahrhunderten dazu über, solche Modelle kreativ und innovativ an die eigenen Gegebenheiten anzupassen – denn dort mussten sie funktionieren.
In Russland herrschen aufgrund seiner geografischen Ausdehnung große Diskrepanzen zwischen den Landesteilen, deshalb könne es auch kaum mit Ländern wie Frankreich, England oder Deutschland verglichen werden und deren vermeintliche Erfolgsmodelle nur begrenzt übernehmen. Worauf richtet man den Blick? Auf Provinzdorf oder Metropole? St. Petersburg und Moskau wurden am Vorabend des Ersten Weltkrieges in einem Atemzug mit Berlin, Paris und London genannt, argumentiert Hildermeier. Und auf welchen Teilbereich blickt man? Nach den Justizreformen Alexanders II. genossen russische Richter „eine Unabhängigkeit, die in Europa ihresgleichen suchte“. 

Doch mit solchen Differenzierungen gaben sich westliche Politiker und Publizisten seit Jahrhunderten nur selten ab. Nicht Puschkin, Gogol, Tolstoy oder Tschaikowsky standen für russische Kultur, sondern oft eher Flöhe und Läuse. Das frühe Stereotyp von Rückständigkeit und Barbarei der Russen, das westeuropäische Besucher einst schufen, blieb über die Jahrhunderte hartnäckig erhalten. Zwar wurde es begrifflich hie und da aktualisiert, doch im Kern klingen die herrschenden, abwertenden Urteile bis heute gleich:
Adam Olearius, deutscher Russlandbesucher (1656):
„Wenn man die Russen nach ihren Gemüthern / Sitten und Leben betrachtet / seynd sie billich unter die Barbaren zu rechnen (…) Seynd arglistig / hartnackicht / unbendig / widerwertig / verkehret / unverschembt zu allem bösen geneiget.“
Charles Maurice de Talleyrand, französischer Außenminister (1796 bis 1807):
„Das gesamte System [des russischen Reiches] (…) ist darauf angelegt, Europa durch eine Flut von Barbaren zu überschwemmen.“
George S. Patton, US-amerikanischer General (1945):
„Zusätzlich zu seinen anderen asiatischen Eigenschaften hat der Russe keine Achtung vor dem menschlichen Leben und ist ein absoluter Hurensohn, Barbar und chronischer Säufer.“
Die deutsche Tageszeitung BZ (2022):
„Sie plündern, vergewaltigen und foltern: So schuf Putin seine Barbaren-Armee“

Natürlich hat es Gräuelpropaganda und die Abwertung des Gegners in Kriegszeiten immer gegeben, aber gegenüber Russland herrscht diese herabwürdigende Sichtweise im Westen quasi permanent. Keines der Zitate stammt von Menschen, die sich im Krieg mit Russland befanden. Das Stereotyp vom barbarischen, unzivilisierten Russland scheint unerschütterlich.
Da diese Denkschablone im Westen zu einer Art unhinterfragter Wahrheit geworden ist, kommt es irgendwann zwingend zu Ereignissen wie dem „Sputnik-Schock“ (1957) – als die vermeintlich rückständige Sowjetunion überraschend den ersten Satelliten ins All schickte. Der französische Filmmacher Claude Lanzmann berichtet in seiner Autobiographie darüber, wie er 1961 bei einem Essen der High Society durch den Gastgeber davon erfuhr, dass gerade ein Russe als erster Mensch in den Weltraum geflogen sei. Lanzmanns Platznachbar, der spätere Premierminister und Präsident Georges Pompidou, konnte das überhaupt nicht glauben und entgegnete nur: „Das ist Propaganda!“

Die Verschlagenheit und Hinterhältigkeit der Russen ist ein weiteres immer wiederkehrendes Paradigma der Russophobie. Schon im 16. und 17. Jahrhundert identifizierten westliche Russlandbesucher Hinterlist und Verlogenheit als typische russische Charaktermerkmale – wohlgemerkt: nicht als Eigenschaften einzelner, sondern aller Russen. Laut russophober Logik müsse sich dieses allgemeine Charaktermerkmal dann auch in der russischen Politik widerspiegeln.
Dementsprechend sind zahlreiche Behauptungen, Russland agiere außenpolitisch immer mit Betrug und Lügen, für die folgenden Jahrhunderte dokumentiert. „Russlands Diplomatie ist, wie Sie wissen, eine lange und mannigfaltige Lüge“, behauptete etwa der britische Staatsmann George Curzon im Jahre 1903. Behauptungen dieser Art reichen bis zu heutigen Vorwürfen, Russland setze permanent Propaganda ein und manipuliere westliche Wahlen.
„In Zeiten des Friedens strebt Russland danach, nicht nur seine Nachbarn, sondern sämtliche Länder der Welt in einen Zustand der Verwirrung aus Misstrauen, Aufruhr und Zwietracht zu zwingen. (…) Russland bewegt sich nicht direkt auf sein Ziel zu (…), sondern es untergräbt die Grundlagen auf hinterhältigste Art.“

Diese Aussage über eine Art hybride russische Kriegführung klingt für die Ohren heutiger Mediennutzer durchaus vertraut, doch sie ist schon mehr als 200 Jahre alt und stammt vom französischen Diplomaten Alexandre d’Hauterive aus der Zeit Napoleon Bonapartes. Über die englischen Medien in der Zeit des Great Game schreibt der Historiker Orlando Figes:
„Das Klischee Russlands, das aus diesen überspannten Schriften hervorging, war das einer brutalen Macht, die von Natur aus aggressiv und expansionistisch, doch auch hinreichend verschlagen und betrügerisch war, um sich mit ‚unsichtbaren Kräften‘ gegen den Westen zu verschwören und andere Gesellschaften zu infiltrieren.“

Modernisiert klingen Behauptungen dieser Art dann ungefähr so wie bei der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (2017):
„In seinem Krieg gegen den Westen greift Russland auf verschiedene Instrumente zurück. Eine Reihe staatlich kontrollierter Medien (im In- und Ausland) werden zu Propagandazwecken genutzt – mit dem Ziel, das Vertrauen westlicher Gesellschaften in die eigenen Institutionen und politischen Eliten zu untergraben. (…) In der Konfrontation mit dem Westen bedient sich Russland jener Methoden, die in der Vergangenheit vornehmlich gegen ehemalige Sowjetstaaten („Nahes Ausland“) oder nicht-westliche Staaten verwendet wurden. Dies trifft insbesondere auf mit massiver Propaganda kombinierte, aggressive Cyberangriffe zu, die auf Einmischung in interne Angelegenheiten und eine Beeinflussung politischer Prozesse abzielen.“

An dieser Stelle muss nicht über die eklatante Doppelmoral solcher Analysen gesprochen werden, die die zahllosen westlich organisierten Wahleinmischungen, Putsche, Cyberangriffe und sonstigen hybriden Destabilisierungsversuche in Ländern weltweit einfach mal vergessen. Deutlich wird: Trotz ihres unterschiedlichen Alters sind die zitierten russophoben Behauptungen nahezu identisch und austauschbar. Und ähnlich wie beim Stereotyp des russischen Landhungers erhellt auch dieses Klischee vor allem die Projektionen westlicher Politiker und Publizisten. Besonders deutlich wird diese Logik beim Blick auf die Zeitphase 1917 bis 1919.

Nachdem Wladimir Iljitsch Lenin von den deutschen Machthabern nach Russland eingeschmuggelt worden war und dort den bolschewistischen Umsturz herbeigeführt hatte, wuchs unter den Herrschenden in Deutschland die Angst, solche „russischen Zustände“ auch hierzulande zu erleben, erklärt der Historiker Mark Jones. Deutsche Zeitungen nahezu jeder politischen Couleur erhoben im Januar 1919 den Vorwurf, Russen seien maßgeblich am Aufstand der Spartakisten in Berlin beteiligt und würden zum bewaffneten Kampf gegen Deutschland aufrufen.
„Diese Propaganda wurde weithin geglaubt und führte zu einer Zunahme der Ausländerfeindlichkeit bereits in der Gründungsphase der Weimarer Republik, die später im Dritten Reich weiter eskalierte. Tatsächlich stimmte nichts davon.“ 

Viele Politiker und Publizisten glaubten, jede Menge russisches Geld ströme nach Berlin und helfe, den Aufstand zu finanzieren, erläutert Jones weiter. Die russophobe Stimmungsmache in den Medien hatte blutige Folgen: Bei der Zerschlagung der Münchener Räterepublik im Mai 1919 verübten Regierungstruppen zahlreiche Gräueltaten. Der größte Einzelvorfall dieser Art war die Erschießung 53 russischer Kriegsgefangener am 2. Mai in Gräfelfing – unter dem Vorwurf, die Russen hätten für die Räterepublik gekämpft.
Das Stereotyp russischer Intrigen und Lügen erscheint auf vielen thematischen Ebenen. Die Abwertung jeder russischen Gegenposition als „Propaganda“ und „Lüge“ sei geradezu Kernbestandteil der Russophobie, schreibt Dominic Basulto in seinem Buch. So kann denn auch ein Land, dessen Führung immer lügt, keine staatlichen Medien haben, die legitimerweise die Perspektiven der eigenen Regierung im Ausland verbreiten, so wie dies die Staatsmedien anderer Länder tun. Nein, russische Staatssender müssen in den Augen russophober Menschen praktisch immer „Propagandasender“ sein.

Besonders erklärungsbedürftig beim Stereotyp der russischen Lüge ist die seit Jahrhunderten wiederkehrende Empörung westlicher Beobachter, über das europäische Äußere der Russen. Die Russen lügen quasi schon mit Kleidung und Aussehen. Der französische Schriftsteller Astolphe Marquis de Custine schrieb im Jahr 1839:
„Ich mache den Russen keinen Vorwurf daraus, dass sie sind, was sie sind; was ich ihnen vorwerfe, ist, dass sie vortäuschen zu sein, was wir sind. Sie sind noch immer unkultiviert (...) und sie folgen dabei dem Beispiel der Affen und entstellen das, was sie kopieren.“

Dass die Russen die französische Kultur „nachäffen“, schrieben auch französische Zeitungen im Vorfeld des Krimkriegs. Hier kollidieren die russophoben Klischees. Versuchen die Russen also ihre vermeintliche Rückständigkeit durch Orientierung am Westen zu beheben, dann ist es auch wieder falsch. Im Innern blieben sie eben doch halbwilde Barbaren.

Russen seien „Menschen mit europäischen Körpern und mongolischen Seelen“, schrieb der US-Journalist Ambrose Bierce 1911 in seinem „Wörterbuch des Teufels“. Bierce meinte das – wie jeden der rund 1000 Einträge darin – satirisch. Er spiegelte kritisch das Klischeedenken seiner Zeit. 2022 erklärte die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub im ZDF: „Wir dürfen nicht vergessen, dass, auch wenn Russen europäisch aussehen, es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne.“ Wichtig: Sie meinte das nicht im satirischen Kontext.

Das vermutlich wirkmächtigste Element der Russophobie ist das Stereotyp der russischen Tyrannei. Es besteht aus zwei Teilen, die sich gegenseitig ergänzen: ein dämonischer Anführer und eine Art Sklavenmentalität der russischen Bevölkerung.
Zar Iwan Wassiljewitsch IV. – im Russischen trägt er den Beinamen „der Strenge“, im Westen heißt er hingegen „der Schreckliche“ – sei eine Art Urtypus des grausamen russischen Herrschers, erläutert Oleg Nemensky. Der „schwarze Mythos“ des blutrünstigen Tyrannen, „dessen Brutalität angeblich alle denkbaren Grenzen überschritt“, entstand im 16. Jahrhundert zur Zeit des Livländischen Krieges und nahm den wichtigsten Platz unter den damaligen propagandistischen Russlandstereotypen ein, so der Forscher. Iwan der Schreckliche verband in westlichen Augen „die Symbolisierung des Bösen und der brutalen Macht mit der unterwürfigen Knechtschaft seiner Untertanen.“
Tatsächlich war Iwan IV. ein brutaler Herrscher Ob er damit allerdings als Machthaber für seine Zeit außergewöhnlich war, ist eher fraglich. Mit dem legendären Ruf Iwans des Schrecklichen wurde im restlichen Europa jedoch ein Image für russische Herrscher generell etabliert, das auch auf die russischen Regenten der folgenden Jahrhunderte grundsätzlich angewendet wurde: grausam, tyrannisch, brutal. Dass bald nach Iwan 31 Jahre lang Zar Alexej I. regierte, der den Beinamen „der Sanftmütigste“ trug, werden hingegen nur wenige je gehört haben.

Hier sollen nun nicht alle Beschimpfungen zitiert werden, die westliche Stimmen für die jeweils amtierenden russischen Anführer gebrauchten. Von der Bezeichnung Zar Peters I. als „größter Barbar der Menschheit“ (Montesquieu) bis zur Titulierung Wladimir Putins als „Killer“ (Joe Biden) wäre diese Jahrhunderte umfassende Liste ziemlich lang.
Zweifellos ist es in Kriegszeiten üblich, den Anführer einer gegnerischen Macht als personifizierten Teufel zu dämonisieren. Es gehört laut Arthur Ponsonby zu den Grundsätzen der Kriegspropaganda, den Hass auf die feindliche Führungspersönlichkeit zu richten. Doch in der russophoben Kultur vieler westlicher Länder gilt diese Logik eben auch in Friedenszeiten. Zwar lassen sich Ausnahmen russischer Anführer finden, die im Westen zeitweise positiv betrachtet wurden, weil sie Außergewöhnliches geleistet hatten – Alexander I. (Sieg über Napoleon), der Eroberung Berlins 1945 durch die Rote Armee unter Führung von Generalissimus Iosef Wissarionowitsch Stalin oder Michail Gorbatschow (Deutsche Wiedervereinigung) wären hier zu erwähnen. Doch in der Regel gilt das Gegenteil.

Die Tatsache beispielsweise, dass Wladimir Wladimirowitsch Putin im Jahr 2004 einen Ehrendoktortitel von der Universität Hamburg erhalten sollte, versetzte Teile der Öffentlichkeit schon damals in derartige Entrüstung, dass sowohl die Uni als auch Putin darauf verzichteten. Grund für den Proteststurm sei der „in völkerrechtswidriger Weise geführte Tschetschenienkrieg“, hieß es. 2011 wurde die geplante Verleihung des Quadriga-Preises für Putin (damals Premierminister) ebenfalls wegen allgemeiner Empörung abgesagt. An US-Präsidenten wurden solche Maßstäbe hingegen nicht angelegt: Bill Clinton, der kurz zuvor einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien befohlen hatte, erhielt 1999 den Deutschen Medienpreis, im Jahr 2000 den Karlspreis in Aachen und 2002 den Europäischen Mittelstandspreis.

Der Vergleich dieser beiden Präsidentenämter ist absolut relevant für die Analyse der Russophobie, denn westliche Medien stellen die Anführer Russlands und der USA regelmäßig wie direkte Gegensätze dar, schreibt Dominic Basulto. Der russische Staatsführer spiele dabei immer die Rolle des „dunklen Zwillings“. Hierin kulminiere die seit Jahrhunderten existente Darstellung Russlands als das Andere, das Böse. In westlichen Augen habe es immer diesen Dualismus zwischen uns und denen gegeben, zwischen Freiheit und Tyrannei, Demokratie und Autokratie, Zivilisation und Barbarei, Licht und Dunkelheit. Oftmals geradezu „plump cartoonistisch“ sei die medial-politische Darstellung Russlands als „Reich des Bösen (Empire of evil)“ (Ronald Reagan).

Oleg Nemensky erläutert, dieses „manichäische Weltbild“ sei besonders für die zeitgenössische amerikanische Kultur charakteristisch und impliziere das Vorhandensein des absolut Guten, das von den USA verkörpert wird, und des absolut Bösen. „Die Jahre des Kalten Krieges haben Russland in dieser Position etabliert“ und bis heute habe sich nichts daran geändert. Die USA übernahmen übrigens zahlreiche Aspekte ihrer Russophobie vom britischen Weltreich. Nemensky betont, es sei äußerst bemerkenswert, dass die Antithese „westliche Freiheit“ vs. „russische Sklaverei“ über verschiedene Epochen der Geschichte hinweg immer wieder reproduziert wird, auch wenn sich die konkreten Konzepte hierzu ändern. Keine Rolle spielen dabei die Jahrhunderte westlicher Sklaverei, die in den USA sogar länger dauerte als die Leibeigenschaft im „rückständigen“ Russland.

Die Russen sind laut russophober Darstellung ein Volk, das nicht in der Lage ist, sich selbst zu regieren und deshalb die Sklaverei begehrt. Ein Volk, das durchgängig von Tyrannen und Diktatoren regiert werde, müsse wohl selbst von Natur aus autoritätshörig und unterwürfig sein, so der seit Jahrhunderten beständig rekapitulierte Zirkelschluss.
„Dieses Volk findet mehr Gefallen an der Sklaverei als an der Freiheit“, berichtete der österreichische Gesandte Sigismund von Herberstein 1549 aus Moskau. Die Russen sind ein „Stamm, der in die Sklaverei hineingeboren wurde, an das Joch gewöhnt ist und die Freiheit nicht ertragen kann“, erklärte der Niederländer Edo Neuhusius seinen Lesern 1633. „Der politische Gehorsam ist für die Russen ein Kultus, eine Religion geworden“, bemerkte der bereits erwähnte Astolphe Marquis de Custine 1837. „Russland war für uns der Inbegriff der Unfreiheit und Zwangsherrschaft, eine Gefahr für unsere Zivilisation“, schrieb ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen über das Denken deutscher Journalisten in den 1960er Jahren. „‘Sklavenbewusstsein’: Warum sind viele Russen so unterwürfig?“, fragte der Bayrische Rundfunk im Jahr 2022.

So frappierend austauschbar diese Aussagen über die Jahrhunderte hinweg sind, so nützlich ist diese Erkenntnis, um den tiefsitzenden, traditionellen Russlandhass des liberalen Bürgertums westlicher Länder zu verstehen. Denn gerade für diese Gruppierungen, die heute etwa durch die Demokratische Partei der USA oder durch die Grünen in Deutschland repräsentiert werden, war das Stereotyp vom despotischen Russland schon immer extrem wirkmächtig.

Der polnische Aufstand gegen die russische „Tyrannei“ 1830/31 war eine Art Initialzündung und löste große Begeisterung bei den liberalen deutschen Medien und der Studentenbewegung, aber auch in Frankreich und England aus. Die damalige „Polenschwärmerei“ ging in die Geschichtsbücher ein. Zahlreiche „Polenlieder“ entstanden. In einem hieß es:
„Wir sahen die Polen, sie zogen aus, als des Schicksals Würfel gefallen. Sie ließen die Heimat, das Vaterhaus, in der Barbaren Räuberkrallen: Vor des Zaren finsterem Angesicht beugt der freiheitsliebende Pole sich nicht.“

Der Politiker Friedrich von Blittersdorf erkannte damals eine „fast rätselhafte Verzauberung der Regierungen und eine ebenso unbegreifliche Verblendung vieler Staatsmänner“. Parallelen zur „Solidarität“ mit der Ukraine 2022 sind unverkennbar.
Ebenfalls zur Befreiung Polens liebäugelte die Linke im Paulskirchenparlament 1848 mit einem großen Krieg gegen Russland. Diese damalige deutsche Linke, die sich als patriotisch und liberal verstand, betrachtete das Zarenreich immer als bedrohlichen Hort der Reaktion, erläutert Hannes Hofbauer. Liberale Intellektuelle dichteten den Russen darüber hinausgehend alle erdenklich negativen Eigenschaften an. Im Zuge ihrer Autokratiekritik entwickelten die deutschen Liberalen das Bild eines „verachtenswerten russischen Volkscharakters“, das sich über die Jahrzehnte zum ausgewachsenen Rassismus gegen die Russen entwickelte.

So hielten russophobe Positionen auch Einzug in die deutsche Sozialdemokratie. Antirussische Affekte waren in der SPD ebenso stark vertreten wie in der liberalen Bewegung Großbritanniens, erklärt der Historiker Christopher Clark in Bezug auf die Phase vor dem Ersten Weltkrieg. Der SPD-Vorsitzende August Bebel, der ebenfalls der liberal-demokratischen Bewegung entstammte, sagte in einer Rede 1907:
„Wenn es zu einem Krieg mit Rußland käme, das ich als Feind aller Kultur und aller Unterdrückten nicht nur im eigenen Lande, sondern auch als den allergefährlichsten Feind von Europa und speziell für uns Deutsche ansehe, (…) dann sei ich alter Knabe noch bereit, die Flinte auf den Buckel zu nehmen und in den Krieg gegen Rußland zu ziehen.“

Heutige deutsche Bundestagsabgeordnete sind dazu wohl nicht mehr bereit, doch ihre Aussagen über Russland klingen ansonsten sehr ähnlich.

Russophobie ist ein System von Ansichten, das sich vor Jahrhunderten herausgebildet hat, aber in fast unveränderter Form bis heute in westlichen Ländern existiert, schrieb Oleg Nemenski vor zehn Jahren. Das Phänomen trete im Westen als eine Art „umgekehrte politische Korrektheit“ auf. Seit 2013 hat sich die Russophobie nochmal erheblich verschärft. Derzeit haben wir es mit einem Höhepunkt russlandfeindlicher Äußerungen zu tun, was wiederholt im Vorfeld von Kriegen festzustellen war. Das Level an Russophobie kann für aufmerksame Beobachter des Zeitgeschehens demnach als Indikator dienen. Besonders gefährlich scheint es, wenn Politiker und Publizisten russophobe Stereotype nicht nur politisch instrumentalisieren, sondern tatsächlich an diese glauben.
Ebenfalls historisch festzustellen ist aber auch, dass Russophobie irgendwann wieder abebbt. Das kann auch ohne Krieg geschehen, wie es das Ende der Blockkonfrontation ab 1990 aufzeigte. Allerdings verschwindet das Phänomen nicht, sondern wird auch danach latent erhalten bleiben, solange westliche Gesellschaften das Problem nicht grundsätzlich angehen. Dafür gäbe es sogar historische Vorbilder. Die Parallelen von Russophobie und Antisemitismus sind allerdings ein Thema für sich. Auf entsprechend angelegte Lösungsvorschläge, wie etwa Nemensky sie gemacht hat (UN-Resolution gegen Russophobie, Einrichtung einer Anti-Diffamierungsliga und spezialisierter Institute, die Fälle von Russophobie untersuchen und öffentlich anprangern), soll hier deshalb nicht eingegangen werden. Nur so viel: Solche Vorschläge scheinen aktuell schwer umsetzbar, da diese ausgerechnet von Regierungen und Leitmedien im Westen unterstützt werden müssten, denn dort liegt ja der Kern des Problems.

Der frühere CIA-Beamte Phil Giraldi betonte in einem Interview beispielsweise: Das Biden-Kabinett sei voll von Russophoben, die Russland für alles Mögliche verantwortlich machen. Auch viele Menschen in der CIA seien durch Russophobie motiviert und glaubten an die Stereotypen. In der politisch-medialen Landschaft westlicher Länder ist man in der Regel jedoch nicht mal Willens, das Problem überhaupt zu erkennen. Der Vorwurf der Russophobie sei nur eine Art geschickte Ablenkung von russischen Gräueltaten und solle lediglich Kremlkritiker diskreditieren, heißt es – hier idealtypisch in der ,,Neuen Zürcher Zeitung".
Klar wird bei alldem: Das Phänomen Russophobie hat kaum etwas mit Russland und den Russen selbst zu tun – dafür aber viel mit den westlichen Gesellschaften. Es ist ein permanentes Überlegenheitsdenken, eine vorsätzliche Doppelmoral. Ja, Russland führt Kriege; russische Politiker und Journalisten haben durchaus schon gelogen. All diese Aspekte gelten mindestens ebenso für Akteure westlicher Länder insbesondere den USA. Doch während man hier die eigenen Kriege schönredet, eigene Lügen vergisst und eigene Verbrechen zu Einzelfällen umdeutet, erklärt man solche Taten in Bezug auf Russland zur immer und überall gültigen Norm.
Russophobie ist im Kern ein rassistisches Phänomen, vermerkt Guy Mettan. Russophobe Menschen weigern sich grundsätzlich, Menschen aus Russland oder den russischen Staat als gleichberechtigt und gleichwertig dem entsprechenden westlichen Gegenüber anzuerkennen. Menschen aus Russland haben eigene Lebenserfahrungen und politische Perspektiven und ihr Staat hat eigene ökonomische und politische Interessen, die nicht besser oder schlechter sind als deren Gegenstück im Westen. Die Interessen und die dazu angewendeten Mittel können legitim oder illegitim sein, legal oder illegal, moralisch oder unmoralisch. Dies gilt es in jedem Fall sachlich zu prüfen – aber nicht immer und von vornherein zu verurteilen mithilfe jahrhundertealter, abwertender Stereotype, die zu nichts anderem führen als zu Hass und Krieg.

Victor Klemperer (Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker) schrieb unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg:
„Ich will es gerade heute und hier besonders dick unterstreichen. Denn es tut uns so bitter not, den wahren Geist der Völker kennenzulernen, von denen wir so lange abgeschlossen waren, über die wir so lange belogen worden sind. Und über keines sind wir mehr belogen worden als über das russische.“

von ASKL